4R: Max-Planck-Institute setzen auf ethische Tierversuche und alternative Methoden

Tierversuche bleiben in der biomedizinischen Grundlagenforschung unverzichtbar, müssen jedoch ethisch gerechtfertigt und durch alternative Methoden ergänzt werden, wie Forschende der Max-Planck-Institute betonen. Am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen orientiere man sich am erweiterten 4R-Prinzip, das neben der Reduktion, Verbesserung und dem Ersatz von Tierversuchen auch die persönliche Verantwortung der Wissenschaftler betone, erklärte PD Dr. Thomas Ott, zuständig für neurowissenschaftliche Modelle und tierexperimentelle Forschung. „Wir verpflichten uns an den Max-Planck-Instituten, auch das Sozialleben der Tiere zu verbessern, Tools zur Ermittlung ihrer Empfindungsfähigkeit, des Bewusstseins und der Intelligenz weiterzuentwickeln und die öffentliche Diskussion zum Thema Tierethik aktiv zu führen“, betonte Ott.
Tierversuche seien ein emotionales Thema, da sie oft schwer nachvollziehbar erschienen, hieß es. In der Grundlagenforschung könnten computergestützte Modelle, zellbasierte Kulturen oder Studien am Menschen, etwa zur Rolle des Schlafs bei der Gedächtnisbildung, bereits eingesetzt werden. Doch für komplexe Fragestellungen, wie die Erforschung von Alzheimer oder Parkinson, seien Versuche an Wirbeltieren wie Mäusen oder Zebrafischen notwendig, da nur sie die elektrophysiologischen und biochemischen Prozesse des Gehirns realitätsnah abbildeten. „Der grundlegende Bauplan einer Maus unterscheidet sich nur gering von unserem. Das ermöglicht es, genetische Ursachen aus der Balance geratener biochemischer Prozesse durch gezieltes Ausschalten von Erbinformationen an Mäusen zu untersuchen. Auf diese Weise lassen sich Rückschlüsse auf den Menschen ziehen“, erläuterte Ott. Die genetische Übereinstimmung von bis zu 95 Prozent mache Mäuse besonders wertvoll, etwa für die Entwicklung präziser Therapien.

Zebrafische spielten ebenfalls eine zentrale Rolle, insbesondere in der Verhaltensforschung, erklärten die Forschenden. Dank ihres transparenten Schädels im Larvenstadium ermögliche ein spezielles Lichtmikroskop, Verarbeitungsprozesse im Gehirn in Echtzeit zu beobachten. „Für Verhaltensforschung wie diese ist es besonders wichtig, dass sich die Tiere wohl fühlen und ihre Wahrnehmung der eines natürlichen Lebensumfelds entspricht. Jegliche Abweichung durch negative Einflussfaktoren würde die erhobenen Verhaltensdaten verzerren oder unbrauchbar machen“, betonte Ott. Die Fische würden in kleinen Aquarien gehalten, um sozialen Stress oder Rivalität zu vermeiden.
Alternative Methoden wie die Organ-on-a-Chip-Technologie, bei der organähnliche Strukturen aus Stammzellen gezüchtet werden, böten vielversprechende Ansätze, etwa in der Medikamentenentwicklung, hieß es. „Bio-Chips liefern in der Medikamentenentwicklung bereits vielversprechende Ergebnisse, etwa indem die Wirkung eines Wirkstoffs direkt an Organoiden getestet wird. Dabei zeigt sich, ob eine Substanz das Zellgewebe beeinträchtigt – allerdings lässt sich umgekehrt nicht ausschließen, dass im Modell unauffällige Substanzen im Organismus eines Menschen dennoch Schaden anrichten“, warnte Ott. Komplexe Prozesse wie Emotionen oder hormonelle Wechselwirkungen könnten derzeit nicht abgebildet werden, und nur wenige Zelltypen wüchsen in Kultur.
Das 4R-Prinzip – Reduction, Refinement, Replacement und Responsibility – sei gesetzlich vorgeschrieben und setze hohe ethische Standards, betonten die Forschenden. „Die konsequente Umsetzung dieser Prinzipien in allen Bereichen tierexperimenteller Forschung ist letztendlich aber auch überhaupt erst die Voraussetzung, dass Tierversuche von den zuständigen Behörden genehmigt werden können“, erklärte Ott. Dennoch sei ein vollständiger Verzicht auf Tierversuche derzeit nicht möglich, da selbst die Validierung von Organ-on-a-Chip-Resultaten Tierexperimente erfordere. Transparenz über Chancen und Grenzen alternativer Methoden sei entscheidend, um falsche Erwartungen zu vermeiden, schlussfolgerten die Wissenschaftler.
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Redaktion: X-Press Journalistenbüro GbR
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