DZNE kritisiert G-BA-Bewertung von Donanemab und methodische Mängel im Cochrane-Review

von | Apr. 17, 2026 | Forschung, Gesundheit

Das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) hat die Nutzenbewertung des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) zum Alzheimer-Medikament Donanemab (Kisunla) als nicht sachgerecht kritisiert. Prof. Gabor Petzold, Direktor für klinische Forschung am DZNE, bezeichnete die Bewertungskriterien als unangemessen. Ebenso äußerte er erhebliche Zweifel an einer neuen Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration zu Amyloid-Antikörpern:

„Für die Alzheimer-Forschung in Deutschland sendet die Einschätzung des G-BA ein unglückliches Signal. Wir werden diesen Therapie-Ansatz nur dann fortentwickeln und verbessern können, wenn wir damit Erfahrung in der Praxis sammeln. Und zwar – jedenfalls aus deutscher Perspektive – unter den Rahmenbedingungen des deutschen Gesundheitssystems und den Gegebenheiten der hiesigen Bevölkerung. Solche „Real-World-Daten“ sind unerlässlich für den medizinischen Fortschritt. Wir können uns nicht damit zufriedengeben, dass solche Daten nur im Ausland erhoben werden – zu Bedingungen, die die Situation in Deutschland nicht oder nur unzureichend widerspiegeln. Sollte der Beschluss des G-BA nun dazu führen, dass das Medikament hierzulande nur noch eingeschränkt verfügbar wird, wäre das eine sehr ungute Entwicklung. Unglücklich für die Patientinnen und Patienten hierzulande. Und für die klinische Forschung hierzulande wäre es nicht nur eine Hürde – es wäre ein echter Rückschritt auf dem Weg zu einer besseren Therapie gegen Alzheimer.“

Der G-BA hatte am 16. April 2026 festgestellt, dass für Donanemab kein belegter Zusatznutzen gegenüber dem bisherigen Therapiestandard in Deutschland nachweisbar sei. Der monoklonale Antikörper wird seit November 2025 per Infusion verabreicht und baut Beta-Amyloid-Proteine im Gehirn ab. Zur Begründung verwies der Ausschuss darauf, dass die vorgelegten Studiendaten keine ausreichende Trennung zwischen Patienten mit leichten kognitiven Störungen (MCI) bei Amyloid-Pathologie und solchen mit leichter Alzheimer-Demenz erlaubten.

Alzheimer ist eine tückische Erkrankung, die viele Jahre ohne Symptome verläuft. Erste Anzeichen sind eine zunehmende Vergesslichkeit und Orientierungslosigkeit. Ein Bluttest könnte helfen, schon frühzeitig mit einer Therapie zu beginnen, um das Fortschreiten zu verlangsamen. (Credits: freepik)
Alzheimer ist eine tückische Erkrankung, die viele Jahre ohne Symptome verläuft. Erste Anzeichen sind eine zunehmende Vergesslichkeit und Orientierungslosigkeit. Ein Bluttest könnte helfen, schon frühzeitig mit einer Therapie zu beginnen, um das Fortschreiten zu verlangsamen. (Credits: freepik)

Petzold bedauerte diese Einschätzung. Die strikte Unterteilung in Untergruppen werde der aktuellen wissenschaftlichen Sicht auf die Alzheimer-Erkrankung als Kontinuum nicht gerecht, sagte er. Die Übergänge zwischen MCI mit Amyloid-Pathologie und leichter Demenz seien fließend. Diese historisch bedingte Einteilung beruhe auf klinischer Symptomatik und spiegele das Krankheitsgeschehen nur unvollständig wider – vor allem vor dem Hintergrund heutiger Biomarker.

Das Medikament bleibe in der EU zugelassen und habe von den europäischen Behörden ein positives Nutzen-Risiko-Verhältnis bescheinigt bekommen. Die G-BA-Entscheidung ändere daran nichts, betreffe jedoch die Frage der Erstattung und damit potenziell die praktische Verfügbarkeit in Deutschland. Petzold hoffte, dass die anstehenden Preisverhandlungen zwischen Kassen und Hersteller die Therapieoption für geeignete Patienten offen halten.

Zudem warnte der DZNE-Forscher vor negativen Signalen für die Forschung hierzulande. Real-World-Daten aus dem deutschen Versorgungsalltag seien unerlässlich, um den Ansatz weiterzuentwickeln. Eine eingeschränkte Verfügbarkeit würde nicht nur Patienten benachteiligen, sondern auch einen Rückschritt für die klinische Forschung in Deutschland bedeuten.

Kritik übte Petzold ebenfalls am Cochrane-Review, das am 16. April 2026 veröffentlicht wurde. Die Übersichtsarbeit kommt zu dem Schluss, dass Amyloid-Antikörper insgesamt keinen klinisch relevanten Nutzen zeigen. Die Analyse umfasst sieben Wirkstoffe – darunter mehrere, die in Studien gescheitert und nicht zugelassen sind. Es sei methodisch fragwürdig, alle Substanzen ohne ausreichende Differenzierung in einen Topf zu werfen, erklärte Petzold. Die Schlussfolgerungen des Reviews seien daher zweifelhaft. Donanemab und Lecanemab seien die einzigen derzeit in der EU zugelassenen Vertreter dieser Klasse.

Das DZNE ist eines der weltweit führenden Forschungszentren für neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer, Parkinson und ALS. Mit zehn Standorten bundesweit trägt es maßgeblich zur Entwicklung neuer Strategien in Prävention, Diagnose, Behandlung und Versorgung bei. Es ist Mitglied der Helmholtz-Gemeinschaft.

Lesen Sie auch:

Roche erhält CE-Zulassung für Bluttest zur Identifikation von ApoE4-Trägern bei Alzheimer – MedLabPortal

Neue Marker könnten Alzheimer-Risiko frühzeitig erkennen – MedLabPortal

Jahresrückblick 2025: Prof. Findeisen über das Pilotprojekt zum Stellenwert blutbasierter Biomarker in der Alzheimer Diagnostik – MedLabPortal


Redaktion: X-Press Journalistenbüro GbR

Gender-Hinweis. Die in diesem Text verwendeten Personenbezeichnungen beziehen sich immer gleichermaßen auf weibliche, männliche und diverse Personen. Auf eine Doppel/Dreifachnennung und gegenderte Bezeichnungen wird zugunsten einer besseren Lesbarkeit verzichtet.

X
Ich bin Invi, wie kann ich dir helfen?