NACHGEFRAGT zu Typ-1-Diabetes: „Ein flächendeckendes Screening wäre grundsätzlich sinnvoll“
Rund 400.000 Menschen in Deutschland leben mit Typ-1-Diabetes. Am Herz- und Diabeteszentrum NRW (HDZ NRW), Bad Oeynhausen, steht jetzt ein neues Medikament zur Verfügung, das Anfang des Jahres von der Europäischen Union zugelassen wurde. Studien zeigen, dass der Wirkstoff Teplizumab das Auftreten von Krankheitssymptomen im Mittel um bis zu zwei Jahre verzögern kann. Unter dem Namen TzieldTM ist das Präparat bereits seit einigen Jahren in den USA im Einsatz.
Prof. Dr. Susanne Reger-Tan, Direktorin der Klinik für Diabetologie und Endokrinologie am HDZ NRW, erklärt die Wirkweise des neuen Medikaments:
Reger-Tan: Typ-1-Diabetes ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem die insulinproduzierenden Betazellen in der Bauchspeicheldrüse angreift und zerstört. Wir unterscheiden drei Krankheitsstadien: Die Vorstufen (Stadium 1 und 2) sowie das Stadium 3, das durch deutliche klinische Symptome gekennzeichnet ist. Der Antikörper Teplizumab kann bei Betroffenen im Stadium 2 den Autoimmunprozess verlangsamen. Damit steht uns nun erstmals auch in Deutschland eine immunmodulatorische Therapie bei Typ-1-Diabetes zur Verfügung.
Wie lässt sich feststellen, ob die Therapie infrage kommt?
Reger-Tan: Das ist derzeit nur anhand von Blutuntersuchungen möglich. Kennzeichen für Stadium 2 sind bestimmte Antikörper und ein gestörter Glukosestoffwechsel mit leicht erhöhten Glukosewerten. Solche Veränderungen können im Rahmen einer speziellen Untersuchung erkannt werden. Angehörige von Menschen mit Typ 1 Diabetes wird beispielsweise so eine Untersuchung empfohlen. Bei entsprechendem Verdacht bietet auch unsere Klinik unter der oberärztlichen Leitung von Dr. Young-Hee Lee-Barkey ein Screening für Heranwachsende und Erwachsene an.

Wer sollte sich untersuchen lassen?
Reger-Tan: Besonders aufmerksam sollte sein, wer nahe Verwandte – also Eltern, Geschwister oder Kinder – mit Typ-1-Diabetes in der Familie hat. Für erstgradige Angehörige liegt das Erkrankungsrisiko bei etwa fünf bis zehn Prozent. Sind beide Eltern betroffen, kann das Risiko für Kinder auf bis zu 25 Prozent steigen, laut einzelner Studien sogar auf bis zu 40 Prozent. Bis zum Auftreten deutlicher Symptome wie starkem Durst, häufigem Wasserlassen oder Gewichtsverlust können einige Jahre vergehen. Teplizumab kann helfen, diesen Zeitpunkt hinauszuzögern und so möglicherweise den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen.
Welche Herausforderungen bringt die neue Therapie mit sich?
Reger-Tan: Ein flächendeckendes Screening wäre grundsätzlich sinnvoll, da rund 90 Prozent der Betroffenen keine erstgradig erkrankten Angehörigen haben. Entsprechende Programme werden derzeit in den Fachgesellschaften diskutiert, insbesondere für Neugeborene.
Hinzu kommt der hohe Aufwand von Herstellung und Behandlung. Das Medikament wird über einen Zeitraum von 14 Tagen per Infusion verabreicht. Daher wird Teplizumab in Deutschland aktuell nur an spezialisierten Zentren eingesetzt.
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Redaktion: X-Press Journalistenbüro GbR
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