Der 70-Prozent-Claim der Labormedizin: Wie viel Wahrheit steckt hinter der berühmten Zahl?

von | Apr. 28, 2026 | Forschung, Gesundheit, Politik

Der berühmte Satz „70 Prozent aller Diagnosen (bzw. medizinischen Entscheidungen) beruhen auf Laborbefunden“ ist einer der am häufigsten zitierten Merksätze der Labormedizin weltweit – auch in Deutschland. Er wird von Fachgesellschaften , Kliniken und Verbänden regelmäßig verwendet, um die zentrale Bedeutung der Labordiagnostik zu unterstreichen.

Woher kommt die Zahl genau?

Der Claim hat keinen exakten wissenschaftlichen Ursprung in Form einer großen, repräsentativen Studie. Er ist eine Schätzung / Expertenaussage aus den USA:

  • Erste publizierte Erwähnung (1996):
    Der US-Pathologe RW Forsman (Mayo Clinic, Rochester) schrieb in einem Beitrag im Fachjournal Clinical Chemistry:

„We know that, although the laboratory represents a small percentage of medical center costs, it leverages 60–70% of all critical decisions, e.g. admission, discharge and therapy.“

Forsman gab keine Daten oder Studie als Beleg an. Es handelte sich um eine auf Erfahrungswerten basierende Schätzung eines Krankenhaus-Laborleiters.

  • Weitere frühe Quellen (1990er/2000er Jahre):
    Ähnliche Formulierungen tauchten in Berichten des College of American Pathologists (CAP) und in Gesprächen mit anderen US-Pathologen (z. B. Peter Dysert, Baylor University) auf. Auch hier fehlten harte empirische Daten.
  • Verbreitung in Europa und Deutschland:
    Ab den 2000er Jahren wurde die Zahl von europäischen und deutschen Labormedizin-Verbänden übernommen – oft als „bis zu 70 %“ oder „rund 70 %“. Sie erschien in Positionspapieren, Pressemitteilungen und Vorträgen, ohne dass jemals eine spezifische deutsche oder europäische Studie als Quelle genannt wurde.
Der 70-Prozent-Claim der Labormedizin: Wie viel Wahrheit steckt hinter der berühmten Zahl? Credits: LabNews Media LLC

Wichtige kritische Einordnung (2011)

Der britische Labormediziner Mike J. Hallworth hat 2011 in einem vielbeachteten Editorial in Annals of Clinical Biochemistry den Claim systematisch untersucht (Titel: „the ‘70% claim’: what is the evidence base?“). Sein Fazit:

  • Es gibt keine belastbare wissenschaftliche Evidenz für die exakte 70-Prozent-Zahl.
  • Die Aussage beruht auf anekdotischen Beobachtungen, Expertenschätzungen und unveröffentlichten internen Daten aus US-Krankenhäusern.
  • Dennoch wird sie seit Jahrzehnten als „geflügeltes Wort“ weitergegeben – ähnlich einem urbanen Mythos in der Medizin.

Hallworth und spätere Autoren betonen jedoch: Auch wenn die genaue Prozentzahl nicht belegt ist, spiegelt sie eine grundsätzlich richtige Einschätzung wider. Laborbefunde beeinflussen in der Praxis einen sehr großen Teil der ärztlichen Entscheidungen (Diagnose, Therapie, Verlaufskontrolle).

Fazit

Der 70-Prozent-Claim ist keine exakte wissenschaftliche Messung, sondern eine seit 1996 wiederholte, einprägsame Schätzung aus den USA. Er hat sich zu einem starken berufspolitischen Argument entwickelt, um die enorme Hebelwirkung der Labormedizin zu verdeutlichen: Labortests machen nur 2–4 % der Gesundheitsausgaben aus, beeinflussen aber einen Großteil der medizinischen Entscheidungen.

Heute wird er meist vorsichtig als „bis zu 70 %“ oder „rund 70 %“ formuliert – und genau so wird er auch in Deutschland weiterverwendet.

Der Artikel erschein im Original bei LabNews Media LLC.


Redaktion: X-Press Journalistenbüro GbR

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