Neuromarketing: KI generierte Fake-Shops wirken immer professioneller

von | Mai 28, 2026 | Forschung, Gesundheit

Täuschend echte Online-Shops nutzen emotionale Geschichten, lokale Bezüge und professionelle Gestaltung, um bei Verbrauchern Vertrauen zu schaffen und sie zum Kauf zu bewegen. Das erklärt Jan Michael Rasimus, Neuromarketing-Spezialist und Leiter des Eye-Tracking-Labors an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Karlsruhe.

Laut Rasimus präsentieren sich viele Fake-Shops heute nicht mehr als billige Angebote mit offensichtlichen Fehlern, sondern als berührende, regionale oder traditionsreiche Händler. Häufig werden erfundene Geschichten erzählt – etwa von einem alten Familienbetrieb in Hamburg, einer Kunsthandwerkerin in Not oder einem drohenden Verlust eines Traditionsunternehmens. Solche Narrative sprechen emotionale Bedürfnisse wie Hilfsbereitschaft oder das Gefühl eines guten Geschäfts an und erzeugen ein starkes Vertrauensgefühl.

Künstliche Intelligenz verstärkt diesen Effekt erheblich. Mit KI-Tools lassen sich Texte, Bilder, Bewertungen und sogar Chat-Funktionen schnell und professionell erstellen. Dadurch verschwinden viele klassischen Erkennungsmerkmale wie holprige Sprache oder schlechte Übersetzungen. Die Shops wirken glatt, lokal und emotional überzeugend.

Jan-Michael Rasimus, Leiter des Eye Tracking-Labors der DHBW Karlsruhe | Quelle: Jenny Habermehl | Copyright: DHBW KA//J. Habermehl
Jan-Michael Rasimus, Leiter des Eye Tracking-Labors der DHBW Karlsruhe | Quelle: Jenny Habermehl | Copyright: DHBW KA//J. Habermehl

Aus Sicht der Wahrnehmungspsychologie spielt auch das Nutzerverhalten eine große Rolle. Viele Menschen scannen Webseiten nur oberflächlich und achten vor allem auf Elemente, die positive Emotionen auslösen – wie schöne Bilder, Rabatte oder rührende Geschichten. Impressum, AGB, Rücksendebedingungen oder Widerrufsrechte werden hingegen oft nicht bewusst wahrgenommen. Eye-Tracking-Studien zeigen, dass der erste Eindruck häufig die kritische Prüfung überlagert.

Besonders gefährlich wird es, wenn emotionale Nähe mit Zeitdruck kombiniert wird. Begriffe wie „nur heute“, „letzte Chance“ oder „drohender Ruin“ erzeugen ein Gefühl der Dringlichkeit, das rationale Zweifel in den Hintergrund drängt. Social-Media-Werbung verstärkt diesen Effekt zusätzlich, weil die Anzeigen im vertrauten Feed erscheinen und weniger wie klassische Werbung wirken.

Rasimus empfiehlt eine einfache Strategie: Je stärker ein Shop emotional oder zeitlich drängt, desto langsamer sollte man werden. Konkret rät er, den Shop nicht direkt aus einer Werbeanzeige heraus zu öffnen, sondern separat zu suchen und mit Begriffen wie „Erfahrung“, „Fake“ oder „Betrug“ zu kombinieren. Zudem sollten Impressum, Adresse, Kontaktmöglichkeiten, Rücksendebedingungen und Zahlungsarten genau geprüft werden.

Die Deutsche Umwelthilfe und Verbraucherzentralen warnen seit längerem vor solchen Fake-Shops und bieten Prüftools an. Typische Warnsignale sind fehlende oder unklare Anbieterdaten, übertriebene Rabatte, Vorkasse-Forderungen, schwer erreichbare Händler oder Retourenadressen außerhalb Europas.

Die aktuelle Entwicklung zeigt, dass KI-gestützte Manipulation im Online-Handel immer raffinierter wird. Rasimus plädiert dafür, digitale Kompetenz auch als Fähigkeit zu verstehen, den eigenen ersten Eindruck kritisch zu hinterfragen.


Redaktion: X-Press Journalistenbüro GbR

Gender-Hinweis. Die in diesem Text verwendeten Personenbezeichnungen beziehen sich immer gleichermaßen auf weibliche, männliche und diverse Personen. Auf eine Doppel/Dreifachnennung und gegenderte Bezeichnungen wird zugunsten einer besseren Lesbarkeit verzichtet.

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