Anlass Deutscher Ärztetag: DGKL-Vorstand Jan Wolter kritisiert Nina Warkens Gesundheitsreform

von | Mai 12, 2026 | Gesundheit, Politik

Heute beginnt der 130. Ärztetag in Hannover, wo auch Mitglieder der DGKL vertreten sind. Anlässlich dieses Events sprach MedLabPortal exklusiv mit DGKL-Vorstand Jan Wolter – und erfuhr, warum Nina Warkens Gesundheitsreform das Gesundheitswesen ins Chaos stürzen könnte.

MedLabPortal: Herr Wolter, Nina Warken hat ihr Sparpaket durchs Kabinett gejagt – 16,3 Milliarden Euro Einsparungen, stabile Beiträge. Ist das jetzt der große Wurf oder nur ein lauwarmer Kompromiss, der am Ende wieder die Labore trifft?

Wolter: Ich bin froh, dass Sie nicht von „Gesundheitsreform“ sprechen, sondern das Kind nach dem benennen, was es ist: ein Sparpaket. Es geht hier nämlich nicht darum, das Gesundheitssystem zu reformieren – was dringend notwendig ist. Es geht lediglich darum, die Ausgaben zu begrenzen, um einen Kollaps zu verhindern. Ich kritisiere daher die Botschaft, die dahintersteckt: „Wir müssen sparen, wir müssen die Ausgaben begrenzen.“ Was wir müssen, ist effizienter zu werden.

MedLabPortal: Sie haben einen „totalen Reset“ des Gesundheitssystems gefordert – Warken liefert jetzt eine stumpfe Sparliste. Reicht das oder ist das wieder nur deutsches Flickwerk?

Wolter: Wenn jemand einen steilen Berg besteigen muss und dabei jede Menge Gepäck mit sich rumschleppt, dann hilft es natürlich, wenn ich ihm ein wenig Last abnehme. Aber sinnvoller wäre es doch, ihm eine vernünftige Ausrüstung zu geben oder vielleicht die Bergroute anzupassen.

Forderte bundesweit als erster den totalen Reset des deutschen Gesundheitssystems: DGKL-Vorstand Jan Wolter. Jetzt folgen auch anderer Akteure mit Vorschlägen. Credits: DGKL
Jan Wolter ist Vorstand der DGKL. Credits: DGKL

MedLabPortal: Sie sind Vorstand der DGKL und daher kommen wir an Diagnosen und Blutwerten nicht vorbei. Die Finanzkommission will evidenzbasierte Lab-Check-ups, wir denken da an den PSA-Test. Ist das endlich die Qualitäts-Offensive oder eher der schleichende Tod der innovativen Labormedizin?

Wolter: Die Gelder der GKV müssen effizient eingesetzt werden. Von daher ist es richtig, Leistungen zu streichen, die medizinisch nicht ausreichend begründet sind. Dann muss die GKV umgekehrt aber auch Leistungen erstatten, deren Nutzen klar belegt ist und wo ärztliche Leitlinien den Einsatz fordern, Stichwort PSA-Test.

MedLabPortal: Prävention war immer Ihr Thema, beispielsweise was die Zuckersteuer anging. Warken indes hat sich bei der Zuckersteuer lediglich „sehr offen“ gezeigt. Nach Ihrem letzten Podcast, in dem Sie nicht nur eine Zuckersteuer forderterten, hat Finanzminister Lars Klingbeil endlich eingelenkt. Wo bleibt jetzt aber die große Präventions-Revolution in Warkens Reform?

Wolter: Die gibt es nicht. Ich habe nicht den Eindruck, dass die Bundesregierung das Thema Prävention wirklich ernst nimmt.

MedLabPortal: Labordiagnostik ist der günstigste und schnellste Weg, teure Fehlbehandlungen zu vermeiden – merkt Ministerin Warken das eigentlich, oder wird wieder nur am falschen Ende gespart?

Wolter: Ich kann, offen gestanden, kein stringentes Konzept bei Warkens Werken – oder Werkeln – erkennen. Das ist ja das Problem. Mir scheint, es wurde nur verzweifelt danach gesucht, wie man neue Einnahmen generieren und Ausgaben kürzen kann.

MedLabPortal: Wie sehr fürchten Sie den nächsten Ansturm auf die Labore bei gleichzeitigem Sparzwang? Wer keinen Facharzttermin bekommt, könnte sich verstärkt die Blutwerte bestimmen lassen…

Wolter: Ein Problem in Deutschland ist, dass die Menschen sich zu stark auf das Gesundheitssystem bzw. die Versorgung durch die GKV verlassen und sich zu wenig selbst kümmern. In das Auto wird vermutlich mehr investiert als in die eigene Gesundheit.

MedLabPortal: Ihre Fachgesellschaft für Labormedizin ist bundesweit und europaweit ein Schwergewicht bei Themen wie Digitalisierung, KI-gestützte Diagnostik, personalisierte Medizin – findet das alles in Warkens 2026-Paket Platz, oder bleibt’s wieder beim analogen 90er-Jahre-Gesundheitssystem?

Wolter: Das Thema Digitalisierung fehlt inzwischen in keinem Wahlprogramm mehr. Und natürlich ist auch im BMG davon die Rede. Doch die Frage ist, welche Taten den Worten folgen. Wenn man die Potenziale der ePA richtig nutzt, wäre das sicherlich ein Meilenstein. Aber die Möglichkeiten gehen noch viel weiter. Wenn man Digitalisierung ernst meint, dann müssen auch Prozesse neu gedacht werden. Da passiert aber noch viel zu wenig.

MedLabPortal: Herr Wolter, Sie sind gewissermaßen der Visionäre Vorstand der Republik. Damit wollen wir sagen: Ihre Ideen, angefangen beim Cybercent bis hin zur Gesundheitssteuer oder den totalen Reset des Gesundheitswesens können das Land positiv verändern. Würden Sie Nina Warken gerade jetzt ans Telefon holen und sagen „Frau Ministerin, Ihre Reform reicht nicht – hier ist der echte Plan“?

Wolter: Nina Warken hat mehr als 1.000 Beschäftigte. Die sind, was man der Presse so entnimmt, vielleicht nicht gerade alle vollauf zufrieden mit ihrer Leitung, aber dennoch gibt es da über 1.000 Menschen, die an Reformplänen arbeiten könnten, plus zahlreiche nachgeordnete Behörden, mit nochmals mehr als 5.000 Menschen. Ich glaube nicht, dass es dort an Ideen mangelt. Was fehlt, ist der politische Mut, diese umzusetzen. Also wenn ich Frau Warken ans Telefon bekäme, könnte ich ihr keinen fertigen Plan nennen. Ich könnte ihr aber ein paar Ideen mitgeben und bin sicher, dass die mehr als 6.000 Leute diese Ideen in eine fein ausgearbeitete, detaillierte Agenda einfließen lassen könnten.

MedLabPortal: Die Kritiker sagen: Die Reform belastet vor allem die Versicherten und gefährdet die Versorgung. Aus Laborsicht – wird 2026 das Jahr, in dem die Diagnostik endlich zur Heldin wird, oder eher zur Sparbüchse?

Wolter: Die Diagnostik ist doch längt die Heldin! Sie rettet täglich mehrere tausend Leben in Deutschland. Weltweit sind es Million Menschen pro Tag, deren Überleben oder schwerwiegender Krankheitsverlauf wesentlich von Labordiagnostik beeinflusst wird. Das schaffen weder James Bond noch Wonder Woman. Und wir alle wissen, was passiert, wenn man bei Superhelden spart. Die Welt versinkt im Chaos.

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Redaktion: X-Press Journalistenbüro GbR

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