Malaria: Langfristige gesellschaftliche Spuren einer alten Seuche
Malaria hat Süditalien über Jahrhunderte geprägt – mit Auswirkungen, die bis heute in sozialen Strukturen, kulturellem Gedächtnis und Alltagsverhalten nachwirken. Zwei neue Forschungsprojekte der Universität Siegen untersuchen diese langfristigen Folgen und ziehen Vergleiche zu modernen Pandemien wie Corona. Im Mittelpunkt stehen traumatische Erfahrungen und die Rolle von Wissenschaft und Industrie in der Malariabekämpfung während des Faschismus.
Wirtschaftshistoriker PD Dr. Christian Franke und Sozialanthropologin Dr. Lene Faust analysieren in einem von der Volkswagenstiftung geförderten Projekt, wie die Krankheit Politik, Literatur, Stadt- und Landschaftsplanung sowie soziale Praktiken in Süditalien nachhaltig verändert hat. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war Malaria dort allgegenwärtig. Allein in den 1880er-Jahren starben nach offiziellen Statistiken jährlich rund 20.000 Menschen, ganze Regionen galten als kaum bewohnbar.
Das Projekt fragt danach, welche Rolle traumatische Erlebnisse wie der Tod von Angehörigen oder dauerhafte Gesundheitsschäden spielen und wie diese Erfahrungen bis heute nachwirken. Mögliche langfristige Spuren reichen von einer anhaltenden Zurückhaltung gegenüber bestimmten ländlichen Landschaften bis hin zu veränderten sozialen und wirtschaftlichen Strukturen. Die Forscher sehen durch Malaria ausgelöste Handlungsmuster, die auch Strukturen der organisierten Kriminalität beeinflusst haben könnten. So seien Landbesitzer vor der Krankheit in die Städte geflohen und hätten die Bewirtschaftung Verwaltern überlassen – ein Faktor für die Entstehung von Parallelstrukturen außerhalb des Rechtssystems.

Das Projekt verbindet historische Quellenanalyse mit sozialanthropologischer Feldforschung und Erkenntnissen der psychologischen Traumaforschung. Es lenkt den Blick von kurzfristigen Krisenreaktionen hin zu tiefen kulturellen und sozioökonomischen Spuren von Seuchen und soll Erkenntnisse für den Umgang mit künftigen Pandemien liefern.
Ein zweites Projekt, gefördert von der 2023 gegründeten Hans und Berthold Finkelstein Stiftung der Bayer AG, beleuchtet die Entwicklung synthetischer Malariamittel in den 1920er- und 1930er-Jahren. Im Fokus steht die Zusammenarbeit zwischen IG Farben/Bayer und dem faschistischen Italien bei Erprobung und Einsatz neuer Präparate. Die Forscher untersuchen Fragen der politischen Instrumentalisierung, wirtschaftlichen Interessen sowie der moralischen Verantwortung von Wissenschaft und Industrie und hinterfragen etablierte nationale Täter- und Opferrollen.
Beide Vorhaben mit einem Gesamtfördervolumen von rund 430.000 Euro sind an der Fakultät III (Wirtschaftswissenschaften, Wirtschaftsinformatik und Wirtschaftsrecht) der Universität Siegen angesiedelt. Sie verbinden Medizin-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte und zeigen, wie eng medizinisch-ethische Fragen mit Politik und Wirtschaft verflochten sind.
Redaktion: X-Press Journalistenbüro GbR
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