Podcast mit DGKL-Vorstand Jan Wolter gestartet: „Wir sollten bei einer Zuckersteuer nicht stehenbleiben“
DGKL-Vorstand Jan Wolter beleuchtet in der ersten Folge des US Podcasts Diagnose Deutschland die fatalen Auswirkungen der fehlenden Zuckersteuer auf die Gesundheit von Millionen Menschen – und fordert die Einführung einer weitreichenderen Gesundheitssteuer auch auf andere Risiko-Inhaltsstoffe in unseren Lebensmitteln. MedLabPortal bringt nachfolgend eine gekürzte Fassung des Podcasts als NACHGEFRAGT-Interview. Das Gespräch in voller Länge können Sie bei Diagnose Deutschland oder bei uns am Ende des Interviews hören.
Herr Wolter, die Einführung einer Zuckersteuer wurde im Vorfeld des CDU-Parteitags in Oldenburg auf nahezu allen Kanälen gefordert, auch 40 Organisationen der Zivilgesellschaft waren dabei. Für die CDU war das aber kein Thema – eine Zuckersteuer wird es unter Kanzler Merz nicht geben. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?
Wolter: Es ist vollkommen absurd. Die CDU muss sich schon fragen, für was sie stehen möchte und vor allem für wen sie im Land Politik machen möchte.
Ein Argument innerhalb der CDU war, dass der Staat seine Bürgerinnen und Bürger nicht bevormunden muss….
Wolter: Mit Verlaub, aber das ist doch eine Hohlphrase. Wer so argumentiert, der muss die Tabaksteuer abschaffen und Cannabis legalisieren. Der Staat „bevormundet“ seine Bürger doch überall. Es gibt eine Gurtpflicht im Auto, ein Rauchverbot in ÖPNV, es gibt Lärmschutzgesetze, die Liste kann man beliebig verlängern. Das Etikett „Bevormundung“ wird immer dann aus der Schublade geholt, wenn einem eine Regelung nicht passt. Hier wird nicht mit Sachargumenten gearbeitet, sondern mit Worthülsen um sich geworfen.
Das ist ein Kernproblem, das ich in den aktuellen Debatten – egal zu welchem Thema – sehe: Fakten spielen immer weniger eine Rolle. Aus Sicht einer wissenschaftlichen Fachgesellschaft ist das ein sehr gefährlicher Weg, der da eingeschlagen wird.
Und was würden Sie jetzt, nachdem der Zuckersteuer-Vorstoß faktisch tot ist, machen?
Wolter: Wir sollten bei einer Zuckersteuer nicht stehenbleiben. Wir müssen auch über die Themen Alkohol, Tabak, hochverarbeitete Lebensmittel, Salz etc. sprechen. Wenn man in die Vesperboxen von Kita- oder Grundschulkinder schaut, findet man dort mehr Schokoriegel und Chips als frisches Obst und Gemüse. Und tatsächlich ist es eben nicht nur schneller, eine solche „Giftbox“ zusammenzustellen als eine gesunde Alternative – es ist auch deutlich billiger.
Das kann ich nicht ganz glauben. Sie fordern nicht nur eine Zuckersteuer, sondern auch ähnliche Pendants auf Salz, Fette, und andere krankmachende Lebensmittel oder deren Inhaltsstoffe?
Wolter: Ja! Es ist in Deutschland unglaublich billig, sich schlecht zu ernähren und viel zu teuer, sich gesund zu ernähren. Das muss sich dringend ändern! Hier ist die Politik gefordert.
Da fällt mir eine Studie des Kompetenzclusters „nutriCARD“an der Universität Jena ein. Demnach sterben in Europa jedes Jahr 1,55 Millionen Menschen durch Fehlernährung. Ist Ihr Modell auch auf die gesamte EU anwendbar?
Wolter: Wieso auch nicht? Europa steht im Wettbewerb mit anderen großen Volkswirtschaften. Wie wäre es mit dem Ziel, der gesündeste Wirtschaftsraum der Welt zu werden?
Wenn Sie aber die lebensmittelbedingten Zusatzkosten im Gesundheitswesen auf die Verursacher übertragen wollen, wo liegt die Grenze? Zucker, Salz, Alkohol, Tabak…was noch?
Wolter: Wir sollten uns keine Grenze setzen, bevor wir nicht mit einer faktenbasierten (!), breiten Diskussion begonnen haben. Und es geht nicht nur darum, Produkte teurer zu machen. Umgekehrt können wir gesunde Lebensmittel auch günstiger machen.
Das ist ja auch eine gesellschaftsrelevante Frage. Bislang hat man es in vielen Bereichen hingenommen, wenn Gewinne privatisiert, aber anfallende Kosten auf die Allgemeinheit übertragen wurden. Sie fordern genau das Gegenteil – und somit das System heraus. Warum sollte jemand aus der Industrie Ihren Forderungen folgen?
Wolter: Das ist ein weiteres Kernproblem! Der Preis an der Supermarktkasse bildet nicht die gesamten Kosten im System ab. Nicht die Umweltbelastungen wie Treibhausgasemissionen aus der Tierhaltung oder die Belastungen der Böden und des Grundwassers durch Überdüngung oder Pestizide. Auch nicht die Folgekosten durch Antibiotikaresistenzen durch die absurde Antibiotikagabe in der Massentierhaltung. Und schon gar nicht die gesundheitlichen Folgekosten durch den Konsum ungesunder Lebensmittel, von Alkohol, Tabak, Vapes oder anderen Giften. De facto subventionieren wir damit Schäden an Mensch, Tier und Umwelt.

Und wie sieht die Akzeptanz in der Bevölkerung aus?
Wolter: Es kommt hier sicherlich auf die Verpackung an. Wenn man fragt: „Möchten Sie, dass Sie für Chips, Limo und Schokoriegel künftig mehr bezahlen müssen?“ dann dürfte die Antwort meist „Nein!“ lauten. Wenn die Aussage aber lautet, dass die Gesundheitskosten explodieren – und zwar auch, weil sich viele Menschen falsch ernähren und ungesunde Lebensmittel deshalb teurer und gesunde Lebensmittel günstiger werden, dann dürfte die Zustimmung wohl eine andere sein.
Ich hätte aber gerne ein paar harte Fakten. Über welche Kosten und Summen sprechen wir eigentlich?
Wolter: Harte Fakten gibt es zu genüge. Es gibt eine breite Studienlage, die zeigt, dass die Fehlernährung in Deutschland unfassbar teuer ist. In Europa hängt rund ein Drittel der Todesfälle bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit einer Fehlernährung zusammen. Eine Studie, die kein Jahr alt ist, kommt auf fast 50 Milliarden Euro Umwelt- und Gesundheitskosten durch Fehlernährung. Da sind Tabak und Alkoholkonsum noch gar nicht mitgerechnet.
50 Milliarden durch Reduzierung bei Zucker, Fetten und Salz? Mit diesen Zahlen jagen Sie Nina Warken aus dem Amt…
Wolter: Nina Warken hat sich Zitat „sehr offen“ für eine Zuckersteuer gezeigt. Für eine Bundesgesundheitsministerin ist das verdammt wenig. Ich finde das äußerst schwach.
Käme die von Ihnen postulierte Gesundheitssteuer, dürfte auch Lars Klingbeil wohlwollend lächeln. Denn der Finanzminister hätte deutliche Mehreinnahmen. Ihr Modell ist also: Sie senken über Einführung der Stuer Gesundheitskosten UND nehmen gleichzeitig für den Staat mehr Geld ein?
Wolter: Es geht bei der Zuckersteuer nicht darum, dem Finanzminister zu helfen, die zahlreichen Löcher im Haushalt zu stopfen. Die eingenommenen Gelder sollten dazu genutzt werden, gesundes Essen günstiger zu machen, gesundes Essen in Schulkantinen zu fördern oder Aufklärungskampagnen zu finanzieren. Der Bürger muss das Geld also wieder zurückerhalten.
Ich fasse zusammen: Sie verscherzen es sich mit der Zuckerindustrie, mächtigen Food Konzernen und all jenen, die abends vor dem TV-Geräte gerne Chips und Cola konsumieren. Warum tun Sie sich das an?
Wolter: Die Zuckerindustrie und Food Konzerne haben genügend Lobbyisten in der Regierung sitzen. Und die, die jetzt abends mit Chips und Cola vorm Fernseher hocken oder vor irgendeinem anderen Bildschirm, würden von den genannten Reformen wohl mit am meisten profitieren.
Redaktion: X-Press Journalistenbüro GbR
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