ASS bietet Allgemeinbevölkerung keinen gesicherten Schutz vor Darmkrebs – Blutungsrisiko steigt deutlich
Die tägliche Einnahme von Acetylsalicylsäure (ASS) schützt Menschen ohne erhöhtes Darmkrebsrisiko nach aktuellem Wissensstand nicht zuverlässig vor der Erkrankung. Gleichzeitig nimmt das Risiko für schwere Blutungen spürbar zu. Das ist das zentrale Ergebnis eines neuen Cochrane-Reviews, den Forschende der Sichuan-Universität in Chengdu erstellt haben.
Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass eine flächendeckende Anwendung von ASS zur Darmkrebsvorbeugung in der Bevölkerung derzeit nicht durch belastbare Daten gerechtfertigt ist. Zwar habe die Idee eines langfristigen Schutzeffekts durch ASS in der Vergangenheit Interesse geweckt, die vorliegende Auswertung lasse jedoch keinen gesicherten Nutzen erkennen – demgegenüber stehe ein klar belegter Schaden.
In die Analyse flossen zehn randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt rund 124.800 Teilnehmenden im mittleren bis höheren Lebensalter ohne besonderes Darmkrebsrisiko ein. Die meisten Probanden erhielten täglich 75 bis 100 Milligramm ASS; in einigen älteren Studien kamen höhere Dosierungen zum Einsatz. Die ursprünglichen Untersuchungen hatten vor allem die Wirkung von ASS auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen geprüft, weshalb Darmkrebsdaten nicht immer einheitlich dokumentiert waren.

Kurz- und mittelfristig – in den ersten 5 bis 15 Jahren – zeigte sich kein Rückgang der Darmkrebsneuerkrankungen durch ASS. Erst bei Nachbeobachtungszeiträumen von mindestens 15 Jahren deuteten vereinzelte Daten auf eine mögliche leichte Abnahme hin (von etwa 15 auf zwölf Neuerkrankungen pro 1.000 Personen). Diese Langzeitbeobachtungen gelten jedoch als sehr unsicher.
Ähnlich uneinheitlich fallen die Ergebnisse zur Darmkrebssterblichkeit aus. In den ersten zehn Jahren ergaben sich Hinweise auf eine mögliche Erhöhung der Sterblichkeit unter ASS. Zwischen zehn und 15 Jahren zeigte sich kein Unterschied. Erst nach 15 Jahren und mehr deutete sich ein geringer Rückgang an (von etwa acht auf sechs Todesfälle pro 1.000 Personen). Auch diese Befunde sind mit hoher Unsicherheit behaftet und könnten durch andere Einflussfaktoren verzerrt sein.
Deutlich robuster ist der Nachweis des Schadens: Die tägliche ASS-Einnahme erhöht das Risiko schwerer Blutungen außerhalb des Gehirns – etwa starke Magen-Darm-Blutungen mit Krankenhausbehandlung oder Transfusionsbedarf – signifikant. Pro 1.000 Personen traten unter ASS zwölf solcher Ereignisse auf, ohne ASS waren es acht – das entspricht vier zusätzlichen schweren Blutungen pro 1.000 Personen. Auch das Risiko für Hirnblutungen nimmt wahrscheinlich zu (von zwei auf drei Fälle pro 1.000 Personen).
Die Verfasser des Reviews betonen, dass ein möglicher langfristiger Nutzen sehr sorgfältig gegen das gut belegte und relevante Blutungsrisiko abgewogen werden müsse. Sie raten ausdrücklich davon ab, ASS ohne ärztliche Empfehlung allein zur Darmkrebsprävention einzunehmen.
ASS wird seit über einem Jahrhundert als Schmerz- und entzündungshemmendes Mittel sowie seit Langem in niedriger Dosierung zur Blutverdünnung eingesetzt, vor allem zur Vorbeugung von Herzinfarkt und Schlaganfall bei Risikopatienten. Frühere Hinweise auf einen möglichen Darmkrebs-Schutz stammten vor allem aus Beobachtungen bei solchen kardiovaskulär erkrankten Personen.
Aktuell läuft mindestens eine weitere Studie, deren Ergebnisse in künftigen Aktualisierungen des Reviews berücksichtigt werden könnten. Zudem werden weitere Langzeit-Nachbeobachtungsdaten aus den bereits eingeschlossenen Studien erwartet.
Original Paper:
Redaktion: X-Press Journalistenbüro GbR
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