Fast alle Menschen mit BMI ≥ 30 erfüllen Kriterien klinischer Adipositas

von | Feb. 24, 2026 | Forschung, Gesundheit

Eine internationale Analyse großer Bevölkerungs- und Interventionsstudien unter Leitung von Prof. Matthias Schulze vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE) zeigt, dass nahezu alle Personen mit einem Body-Mass-Index (BMI) von mindestens 30 kg/m² durch mindestens ein weiteres anthropometrisches Kriterium als adipös bestätigt werden können. Rund 80 Prozent dieser Gruppe weisen bereits Adipositas-assoziierte gesundheitliche Beeinträchtigungen auf und erfüllen damit die Kriterien einer klinischen Adipositas.

Die Ergebnisse der Studie, an der Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) und des Universitätsklinikums Tübingen beteiligt waren, erschienen in Nature Communications. Ausgewertet wurden Daten der US-amerikanischen NHANES-Studie (repräsentativ für die erwachsene Bevölkerung), der EPIC-Potsdam-Kohorte und der TULIP-Lebensstilinterventionsstudie.

Die Untersuchung bewertet den Vorschlag einer internationalen Lancet-Kommission aus dem Frühjahr 2025, Adipositas in präklinische und klinische Formen zu unterteilen. Danach wird Adipositas zunächst durch BMI ≥ 30 und mindestens ein weiteres Maß wie Taillenumfang oder Körperfettanteil bestätigt. Klinische Adipositas liegt vor, wenn zusätzlich messbare Folgeprobleme wie Bluthochdruck, gestörter Zucker- oder Fettstoffwechsel nachweisbar sind.

Klinische Adipositas: Prävalenz, Risiko für kardiometabolische Erkrankungen und Veränderung durch eine Lebensstil-Intervention | Quelle: Carolin Schrandt | Copyright: DIfE
Klinische Adipositas: Prävalenz, Risiko für kardiometabolische Erkrankungen und Veränderung durch eine Lebensstil-Intervention | Quelle: Carolin Schrandt | Copyright: DIfE 

In der NHANES-Analyse erfüllten 100 Prozent der Personen mit BMI-basiertem Adipositasstatus mindestens ein zusätzliches anthropometrisches Kriterium. Davon wiesen etwa 80 Prozent klinische Merkmale auf. Personen mit klinischer Adipositas hatten im Vergleich zu Normalgewichtigen ohne diese Kriterien ein etwa dreifach höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und ein etwa achtfach höheres Risiko für Typ-2-Diabetes. Bei präklinischer Adipositas zeigte sich kein erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko, jedoch ein deutlich gesteigertes Diabetes-Risiko.

Eine neunmonatige Lebensstilintervention in der TULIP-Studie reduzierte den Anteil klinischer Adipositas von 71 auf 57 Prozent und den Anteil von Prädiabetes von 52 auf 29 Prozent. Besonders verbesserten sich Blutdruck, Triglyzeridwerte und Blutzuckerregulation. Der Therapieerfolg hing unter anderem vom Alter und Leberfettgehalt ab.

Die Autoren schließen, dass eine zusätzliche anthropometrische Bestätigung der Adipositas bei fast allen BMI ≥ 30-Fällen gegeben ist und daher in der Praxis oft entbehrlich scheint. Weniger als 20 Prozent der Betroffenen gelten als präklinisch; die Mehrheit weist bereits messbare gesundheitliche Folgen auf. Viele klinische Kriterien überlappen stark, was die Notwendigkeit einer umfangreichen Diagnostik zur Unterteilung in Frage stellt.

Die Ergebnisse liefern eine evidenzbasierte Grundlage zur Bewertung der neuen Lancet-Definition. Klinische Adipositas könnte künftig als eigenständige Erkrankung mit klaren Behandlungsindikationen klassifiziert werden. Die Forschenden planen Vergleiche mit etablierten Konzepten wie metabolisch gesunder versus ungesunder Adipositas.

Adipositas gilt seit 1948 als Krankheit der WHO und wird in der ICD-11 als chronische komplexe Erkrankung (Code 5B81) geführt. Die Debatte, ob sie eine eigenständige Krankheit oder primär Risikofaktor ist, bleibt bestehen. Die vorgeschlagenen Kriterien sollen eine präzisere Erfassung ermöglichen und den Zugang zu medizinischer Versorgung verbessern, ohne unnötige Überdiagnosen oder Vernachlässigung der Eigenverantwortung zu fördern.

Original Paper:

Definition and diagnostic criteria of clinical obesity – The Lancet Diabetes & Endocrinology


Redaktion: X-Press Journalistenbüro GbR

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