ANALYSE: Wie US-Zölle Deutschlands Labormedizin treffen

Die US-Regierung hat im Februar 2025 die Einführung von Zöllen in Höhe von 25 Prozent auf alle Waren aus der Europäischen Union (EU) angekündigt, was erhebliche Auswirkungen auf die Labormedizin haben könnte. Diese Ankündigung erfolgte im Rahmen einer Reihe von protektionistischen Maßnahmen, die von US-Präsident Donald Trump angekündigt wurden, einschließlich Zölle auf Kanada, Mexiko und China, die teilweise bereits umgesetzt wurden. Die EU hat angekündigt, mit Gegenmaßnahmen zu reagieren, was die Spannungen weiter verschärfen könnte.
Diese Entwicklungen sind besonders relevant für die Labormedizin-Branche in Deutschland, die als kritische Infrastruktur ein Schlüsselsektor der Wirtschaft ist. Was in Politik und Medien derzeit noch wenig beachtet wird: Die Labormedizin umfasst die Diagnose und Behandlung von Krankheiten durch die Analyse von Körperflüssigkeiten und Gewebesproben, einschließlich diagnostischer Geräte, Reagenzien und anderer medizinischer Produkte. Was zunächst nach trockener Lexikondefinition klingt, lässt sich für die Politik verständlich sehr direkt übersetzen: Ohne Labormedizin würde das Gesundheitssystem in Deutschland innerhalb kürzester Zeit komplett kollabieren.
Deutschland ist auf globaler Ebene ein führender Akteur in diesem Bereich, mit einer starken Exportorientierung und einer innovativen Forschungskultur. Eng vernetzt mit der Labor- und Diagnostikbranche ist die Medizintechnikbranche, sowie die gesamte Diagnostikindustrie. Insgesamt generierte dieses Konglomerat einen Umsatz von etwa 38,4 Milliarden Euro allein im Jahr 2022, von denen etwa 25,8 Milliarden Euro aus internationalen Märkten stammen, wobei die USA ein wichtiger Markt sind.
Wirtschaftliche Folgen für die Diagnostik- und Labormedizin-Branche
Die deutschen Exporte von Medizintechnologie-Produkten in die USA beliefen sich im Jahr 2023 auf etwa 3,9 Milliarden Euro, basierend auf Handelsstatistiken. Wenn die USA einen Zoll von 25 Prozent auf diese Produkte erheben sollten, würde dies die Einstandskosten um 975 Millionen Euro pro Jahr erhöhen. Diese zusätzlichen Kosten könnten auf zwei Arten wirken: Entweder die deutschen Firmen absorbieren die Kosten, was ihre Gewinnmargen verringert, oder sie geben die Kosten an US-Käufer weiter, was die Nachfrage senken könnte, da die Produkte teurer werden.
Eine Verringerung der Exporte könnte zu einer Abnahme der Einnahmen führen, was wiederum die wirtschaftliche Aktivität im Sektor beeinträchtigte. Die Branche beschäftigt eine große Anzahl von Arbeitnehmern, und eine Studie zeigt, dass im Jahr 2022 etwa 8,1 Millionen Menschen in der deutschen Gesundheitsbranche arbeiteten, wobei bis heute ein signifikanter Teil in der Medizintechnologie und Laborsparte tätig ist. Eine Verringerung der Einnahmen könnte zu potenziellen Arbeitsplatzverlusten führen, insbesondere in kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMUs), die 93 Prozent der Branche ausmachen.
Darüber hinaus könnte die gesamte Gesundheitsbranche gezwungen sein, ihre Produktionsstrategien zu ändern, etwa durch eine Verlagerung der Produktion in die USA, um den Zöllen zu entkommen. Dies würde jedoch zu höheren Kosten und einer Verringerung der Fertigungsaktivitäten in Deutschland führen, was langfristige wirtschaftliche Folgen hätte.

Dramatische Folgen für Innovationen und Patente
Innovationen sind ein zentraler Bestandteil der Labormedizin-und MedTech-Branche. Diese investiert jährlich etwa 3 Milliarden Euro in F&E, was etwa 9 Prozent des Umsatzes entspricht. Reduzierte Einnahmen durch geringere Exporte könnten diese Investitionen einschränken, was die Entwicklung neuer Diagnosemethoden und Technologien beeinträchtigen würde.
Im Jahr 2022 meldete die MedTech-Branche 1.391 Patente bei der Europäischen Patentbehörde an, was Deutschland zur führenden europäischen Nation in diesem Bereich macht. Eine Abnahme der F&E-Ausgaben könnte zu einer Verringerung der Patentanmeldungen führen, was die Wettbewerbsfähigkeit der Branche auf globaler Ebene schwächt.
Darüber hinaus könnte eine eingeschränkte Präsenz auf dem US-Markt die Motivation der Firmen reduzieren, Produkte zu entwickeln, die speziell auf die Bedürfnisse der US-Kunden zugeschnitten sind. Dies könnte zu einer geringeren Diversität an innovativen Produkten führen und die Branche langfristig beeinträchtigen. Der US-Markt ist auch ein Schlüsselfaktor bei der Bestimmung globaler Standards und Normen in der Labormedizin, und ein eingeschränkter Zugang könnte die deutschen Firmen von der Teilnahme an der Gestaltung dieser Standards abhalten, was ihre Fähigkeit beeinträchtigt, innovative Lösungen zu entwickeln, die mit internationalen Normen übereinstimmen.
Strategien zur Bewältigung der Herausforderungen
Um die Auswirkungen der Zölle zu mindern, kommen verschiedene Strategien in Frage. Die deutsche Bundesregierung könnte in Absprache mit der EU und der Industrie Verhandlungen mit der US-Regierung führen, um die Zölle zu reduzieren oder abzuschaffen. Darüber hinaus könnte die Förderung heimischer Produktion und die Erhöhung der Effizienz helfen, die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Die Entwicklung neuer Märkte, insbesondere in Asien und Lateinamerika, wären eine weitere Möglichkeit, um die Abhängigkeit vom US-Markt zu reduzieren.
Schlussfolgerung
Zusammenfassend zeigt die Analyse, dass die angekündigten US-Zölle die Labormedizin-Branche in Deutschland in vielfacher Hinsicht beeinflussen werden, von der Verringerung der Exporte und Gewinnmargen bis hin zu einer eingeschränkten Fähigkeit, in Innovation und Patente zu investieren. Die Branche steht somit vor erheblichen Herausforderungen. Dennoch kann eine koordinierte Antwort von Bundesregierung, Industrie und akademischen Einrichtungen die langfristige Wachstumsfähigkeit sichern. Der Grund: In einem globalisierten Wirtschaftsraum ist der internationale Dialog unerlässlich, um Handelsbarrieren zu reduzieren und die Innovation zu fördern.
Die Analyse wurde von den MedLabPortal-Redakteuren Marita Vollborn und Vlad Georgescu erstellt.
Weiterführende Informationen
- European Patent Office Patentanmeldungen in der Medizintechnologie-Branche
- WTO Handelsstatistiken Zolltarife und Handelsbarrieren
- Reuters US-Zölle auf Kanada, Mexiko und China
- Euronews EU-Reaktion auf US-Zölle
- The Medical Technology Industry in Germany Innovations und Exporte
- Germany – Healthcare and Medical Technology Beschäftigungsdaten
- Analyzing the impact of trade and investment agreements on pharmaceutical policy Auswirkungen auf Standards
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Redaktion: X-Press Journalistenbüro GbR
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