Typus-Genomik: Internationale Forschende fordern Sequenzierung von Referenzexemplaren in Museumssammlungen

von | Jan. 12, 2026 | Forschung

Ein internationales Wissenschaftlerteam plädiert in einer neuen Studie für die systematische Genomsequenzierung von Typusexemplaren in naturkundlichen Sammlungen. Diese Referenzobjekte, die zur offiziellen Beschreibung und Benennung jeder bekannten Art dienen, bergen einen genetischen Schatz, dessen Entschlüsselung die Biodiversitätsforschung grundlegend verändern könnte.

Typusexemplare sind das Rückgrat der biologischen Taxonomie. Für jede beschriebene Art existiert weltweit ein einziges Referenzexemplar – ein Tier, eine Pflanze oder ein Fossil –, das als maßgeblich für Namen und Definition der Art gilt. Diese Objekte lagern in Museen und Forschungseinrichtungen und dienen als unverzichtbare Nachschlagewerke zur eindeutigen Identifikation und Einordnung von Arten.

In der Fachzeitschrift Systematic Biology veröffentlichten Forscher um Erstautor Dr. Harald Letsch von der Universität Wien und dem Staatlichen Museum für Naturkunde Karlsruhe einen Beitrag, in dem sie die immense Bedeutung der Genomik für diese Exemplare hervorheben. Moderne Sequenzierungstechnologien ermöglichen es, DNA selbst aus sehr alten und fragilen Objekten zu gewinnen, ohne sie zu zerstören. Dadurch lassen sich digitale Zwillinge erstellen, die hochauflösende Bilder, morphometrische Daten und genetische Informationen kombinieren.

Für jede bekannte Art gibt es in naturwissenschaftlichen Sammlungen ein Typusexemplar, das zur offiziellen Beschreibung und Benennung einer Art verwendet wurde. Die DNA dieser Exemplare ist für die Biodiversitätsforschung von unschätzbarem Wert. | Copyright: Karen Meusemann / Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels
Für jede bekannte Art gibt es in naturwissenschaftlichen Sammlungen ein Typusexemplar, das zur offiziellen Beschreibung und Benennung einer Art verwendet wurde. Die DNA dieser Exemplare ist für die Biodiversitätsforschung von unschätzbarem Wert. | Copyright: Karen Meusemann / Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels

Das Team, zu dem Wissenschaftler der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, des Museums für Naturkunde Berlin, des Leibniz-Instituts zur Analyse des Biodiversitätswandels und weiterer Einrichtungen gehören, sieht in der Typus-Genomik enormes Potenzial. Die Entschlüsselung der Genome erlaubt tiefere Einblicke in Verwandtschaftsverhältnisse, evolutionäre Entwicklungen und Schutzmaßnahmen für Arten. Gleichzeitig trägt sie zur Digitalisierung naturkundlicher Sammlungen bei, einem zentralen Anliegen der modernen Biodiversitätsforschung.

Viele Typusexemplare sind hunderte Jahre alt und durch Alterung, unsachgemäße Lagerung oder Katastrophen gefährdet. Jede physische Untersuchung oder Ausleihe birgt Risiken. Minimal-invasive DNA-Entnahmemethoden und Hochdurchsatz-Sequenzierung bieten hier Abhilfe: Einmalige Probenentnahme kann große Datenmengen liefern, die anschließend global geteilt werden, ohne das Original weiter zu belasten.

Prof. Dr. Steffen Pauls vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt, Seniorautor der Studie, betont die Notwendigkeit enger Zusammenarbeit zwischen Kuratoren, Taxonomen und Genomforschern. Eine koordinierte Strategie soll sicherstellen, dass jedes Exemplar idealerweise nur einmal physisch bearbeitet wird, um möglichst umfassende Daten zu gewinnen. Standardisierte Protokolle und museale Netzwerke könnten die weltweite Verfügbarkeit genomischer Daten aus Typusexemplaren gewährleisten.

Dr. Jenna Moore vom Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels und Museum der Natur Hamburg unterstreicht den Infrastrukturwert digitalisierter Sammlungen. Sie machen Biodiversitätsinformationen global zugänglich und positionieren Museen als lebendige Archive der Erdgeschichte.

Dr. Iker Irisarri vom Leibniz-Institut und dem Museo Nacional de Ciencias Naturales in Madrid sieht in vernetzten Katalogen ein Mittel, die Beschreibung neuer Arten zu beschleunigen und den Artenschutz gezielt zu unterstützen – vorausgesetzt, die Genomdaten sind offen zugänglich.

Die Forschenden betrachten die Typus-Genomik als entscheidenden Schritt in der digitalen Transformation naturkundlicher Sammlungen. Durch gemeinschaftliche Expertise und moderne Technologie könne nicht nur die aktuelle Forschung revolutioniert, sondern auch biologisches Wissen für künftige Generationen gesichert werden.

Die Studie erschien in Systematic Biology (Band 74, Heft 6, November 2025, Seiten 1029–1044, DOI: 10.1093/sysbio/syaf040). Sie unterstreicht die Dringlichkeit, den genetischen Schatz der Typusexemplare systematisch zu heben und gleichzeitig ihre physische Unversehrtheit zu schützen. Damit leistet sie einen wichtigen Beitrag zur Bewältigung der globalen Biodiversitätskrise.

Original Paper:

Type Genomics: A Framework for Integrating Genomic Data into Biodiversity and Taxonomic Research | Systematic Biology | Oxford Academic


Redaktion: X-Press Journalistenbüro GbR

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