NACHGEFRAGT: Iran-Krieg. Quo Vadis Labormedizin?

von | März 5, 2026 | Digitalisierung, Gesundheit, Politik

Der Angriff der USA und Israels auf den Iran hat mittlerweile spürbare Konsequenzen für Deutschland. Welche genau das sind, wie die Labormedizin betroffen ist, und warum iranische Ärzte in der Bundesrepublik weiterhin eine wichtige Stütze des Gesundheitssystems spielen, verriet DGKL-Vorstand Jan Wolter im MedLabPortal NACHGEFRAGT-Interview mit Vlad Georgescu.

MedLabPortal: Herr Wolter, das Worst Case Szenario ist eingetreten: Der Angriffskrieg der USA und Israels gegen den Iran hat den Nahen Osten quasi über Nacht als Hub für den globalen Handel lahmgelegt. Worauf muss sich die Labormedizin in Deutschland einstellen?

Wolter: Was im Nahen Osten gerade passiert, ist erschütternd. Kollegen unserer Stiftung waren noch vor gut zwei Wochen auf einer Messe in Dubai. Die Krisen der Welt rücken immer näher. Für die Labormedizin ergeben sich daraus zunächst dieselben Folgen wie für andere Bereiche auch. Energie wird teurer, Lieferketten geraten ins Wanken, auch der persönliche Austausch wird – Stichwort Messen – erschwert. Daneben ändert sich natürlich die Sicherheitslage auch hier in Deutschland.

MedLabPortal: Die Supply-Chain für die deutsche Pharma- und Diagnostikbranche ist aber nicht wirklich von den Golf-Staaten abhängig. Warum diese Sorgen?

Wolter: Die Welt hatte schon vor dem Angriff auf den Iran zahlreiche Krisenherde. Die Sicherheitslage wird jetzt noch angespannter und komplexer. Grundsätzlich sehe ich zwei mögliche Szenarien: Die Glück-im-Unglück-Variante, bei der sich die Lage in wenigen Wochen stabilisiert und die Kämpfe zu einem Ende kommen, und die Eskalationsvariante, bei der es zu einem Flächenbrand kommt. Das stürzt nicht nur den Nahen Osten in ein Desaster – mit kaum absehbaren Folgen für die Weltwirtschaft. Die Region ist nicht nur eine wichtige Drehscheibe, sondern auch Kunde und Geldgeber für zahlreiche Projekte und Unternehmen der westlichen Welt. Diese Finanzströme könnten zumindest geschwächt werden. Zudem: Wenn die USA vor Ort militärisch gebunden sind und der sicherheitspolitische und militärische Fokus auf diese Region gelenkt wird, hat dies auch Konsequenzen für andere bestehende oder schwelende Konflikt. Neben der Ukraine denke ich da an Taiwan, aber auch Afrika. Dabei können alte Allianzen zerbrechen und neue entstehen. In keinem Fall wird die Welt dadurch sicherer. Humanitäre Aspekte blende ich bei alldem jetzt einmal aus.
Doch selbst wenn die Kämpfe in wenigen Wochen enden sollten, wird die Welt keine stabilere sein. Wenn ein Regime gestürzt wird, besteht die Gefahr eines Machtvakuums, dass nicht zwingend von uns wohlgesonnen Demokraten gefüllt wird – um es einmal ganz, ganz vorsichtig zu formulieren. Zudem kann der Kampf, wenn er militärisch vor Ort verloren wird, in andere Länder getragen werden. Und Deutschland kann dann, wenn es sich an die Seite der Vereinigten Staaten und Israels stellt, zur Zielscheibe werden.

MedLabPortal: Wenn wir schon bei hybriden Bedrohungsszenarien sind – befürchten Sie Sabotageakte auf Einrichtungen der Labormedizin in Deutschland? Immerhin würden die das Gesundheitssystem relativ ins Wanken bringen.

Wolter: Die Heftigkeit und Breite der militärischen Gegenschläge lässt vermuten, dass der Iran zu allem bereit ist. Von daher würden mich Terroranschläge oder Sabotageakte nicht überraschen.

MedLabPortal: Nun ist es aber so, dass der iranische Geheimdienst in Deutschland seit Jahrzehnten sehr aktiv und erfolgreich operiert. Führt die aktuelle geopolitische Bedrohungslage nicht zwangsläufig zur pauschalen Verdächtigung jener Menschen iransicher Herkunft, die in Deutschland leben und arbeiten, aber nichts mit dem System in Teheran zu tun haben?

Wolter: Davor kann ich nur warnen! In Deutschland lebende Iraner, das zeigen verlässliche Erhebungen, weisen eine hohe Zahl an Akademikern, Ärzten und Ingenieuren auf. Sie sind vor der Diktatur im Iran geflohen, häufig säkular oder moderat religiös geprägt, und politisch oft regimekritisch. Ob der mich behandelnde Arzt aus Deutschland oder dem Iran stammt, ist mir jedenfalls egal.

MedLabPortal: Je nach Statistik verzeichnen wir rund 3000 iranische Ärzte, die in Deutschland praktizieren. Wie wollen Sie hier herausfinden, ob und wer davon Mitglied der Quds Force der islamischen Revolutionsgarden ist? Wie wir wissen, ist dieser militärische Auslandsgeheimdienst des Iran für Attentate, Spionage und Sabotage zuständig.

Wolter: Wir dürfen jetzt keine Hetzjagd veranstalten und Iraner unter Generalverdacht stellen. Die Bedrohungslage durch russische Sabotageakte sehe ich immer noch als höher an. Und ich würde auch nicht alle Russen in Deutschland unter Generalverdacht stellen. In jedem Fall aber muss sich Deutschland besser auf die angespannte Sicherheitslage einstellen. Wie ich vor wenigen Wochen in einem Interview bereits gesagt hatte, müssen wir resilienter werden. Und wir müssen dringend unsere Cyberabwehr stärken. An dieser Stelle erinnere ich auch gerne nochmals an den Cybercent.

Und das vielleicht noch zum Thema Unabhängigkeit: Weder Wind noch Sonne können an der Straße von Hormus blockiert werden. Es ist ja schon ein Treppenwitz, dass die CDU sich dafür feiert, die Gasheizung gerettet zu haben und jetzt die Gaspreise durch die Decke gehen, weil die USA und Israel den Iran angegriffen haben. Man fragt sich schon, was eigentlich noch passieren muss, bis auch der letzte begreift, dass für Deutschland fossile Brennstoffe auch und gerade aus sicherheitspolitischer und wirtschaftlicher Sicht eine schlechte Idee sind.

MedLabPortal: Muss demnach jeder Laborleiter ein rotes Telefon oder den direkten heißen Draht zum Verfassungsschutz pflegen?

Wolter: So weit würde ich nicht gehen. Der Verfassungsschutz wäre aber gut beraten, zumindest die großen Labore und Laborketten regelmäßig zu unterrichten und zu schulen, wie sie sich und damit die diagnostische Grundlage der medizinischen Versorgung in Deutschland besser schützen können.

Forderte bundesweit als erster den totalen Reset des deutschen Gesundheitssystems: DGKL-Vorstand Jan Wolter. Jetzt folgen auch anderer Akteure mit Vorschlägen. Credits: DGKL
Forderte bundesweit als erster den totalen Reset des deutschen Gesundheitssystems: DGKL-Vorstand Jan Wolter. Jetzt beschreibt er die potenziellen Auswirkungen des Iran-Kriegs auf Deutschlands Labormedizin. Credits: DGKL

MedLabPortal: Apropos Verfassungsschutz – trauen Sie dem überhaupt zu, iranische Strukturen in Deutschland zu durchdringen?

Wolter: Den Verfassungsschutz gibt es in Deutschland gar nicht. Es gibt das Bundesamt für Verfassungsschutz und dann gibt es die Landesämter für Verfassungsschutz. Und dort sind die Strukturen, Aufgabenzuschnitte und Prioritäten höchst unterschiedlich. Ohne mich da zu weit aus dem Fenster lehnen zu wollen, würde ich mal vermuten, dass da nicht alle optimal aufgestellt sind.

MedLabPortal: War die uneingeschränkte Zustimmung von Bundeskanzler Friedrich Merz aus Ihrer Sicht, aus Sicht eines deutschen Vorstands, strategisch klug?

Wolter: Der Angriff war ein klarer Bruch des Völkerrechts. Mehr muss ich dazu nicht sagen.

MedLabPortal: Deutschland hat über Jahrzehnte hinweg gute Geschäfte mit dem Iran betrieben und galt lange Zeit als ein potenzieller Vermittler. Wie kann die Labormedizin angesichts dieser alten Verbindungen nach Ende des Krieges humanitär tätig werden?

Wolter: Ich glaube nicht, dass wir bereits jetzt Pläne für ein „Danach“ schmieden können. Es bleibt abzuwarten, was die nächsten Wochen und Monate passiert und welche neuen Machtstrukturen sich etablieren werden. In jedem Fall glaube ich, ist es wichtig, gerade im Falle des Iran, zwischen dem Regime und der Bevölkerung zu unterscheiden. Man sollte niemals sämtliche Brücken zu einem Land abreißen.

MedLabPortal: Nach der Ermordung des obersten Religionsführers des Iran, Ayatollah Khamenei, ist sein Sohn Mojtaba Khamenei der Nachfolger. Sehen Sie, trotz der heute komplett unübersichtlichen Lage, eine Chance auf die Rückkehr der Diplomatie und des Völkerrechts?

Wolter: Diese Chance müssen wir immer sehen.

MedLabPortal: Und wie würden Sie das US-Präsident Donald Trump schmackhaft machen?

Wolter: Das ist zum Glück nicht meine Aufgabe.

MedLabPortal: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Vlad Georgescu.


Redaktion: X-Press Journalistenbüro GbR

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