NACHGEFRAGT: „Die neue GOÄ ist eine weit größere Gefahr, als das manchem klar ist“

von | März 20, 2026 | Forschung, Gesundheit, Politik

Die neue Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) sieht deutliche Kürzungen für die Labormedizin vor. DGKL-Vorstand Jan Wolter sieht darin eine bislang kaum beachtete Gefahr – es geht um die ökonomisch-geopolitischen Folgen für den Standort Deutschland.

MedlabPortal: In Deutschland sind rund 437.000 berufstätige Ärztinnen und Ärzte registriert, aber nur etwa 1200 davon sind Labormediziner. Warum zerbrechen sich diese den Kopf über die neue GOÄ?

Wolter: Ganz einfach, weil damit erhebliche Einbußen für die Labormedizin verbunden sind. Wir sprechen von Einbußen in Höhe von bis zu einem Viertel im stationären und mehr als einem Drittel im ambulanten Bereich.

MedlabPortal: Nur um es richtig einzuordnen: Bei der GOÄ handelt es sich um jene Gebühren, die ein Arzt für seine Leistungen privat abrechnet. Wir reden also nicht über die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV)….

Wolter: Das ist richtig. Von daher sind die Auswirkungen auch regional sehr unterschiedlich. Wo es mehr Privatversicherte gibt, sind die Folgen deutlich höher als dort, wo es ganz überwiegend gesetzlich Krankenversicherte gibt.

MedlabPortal: Privat klingt aber privilegiert, und Millionen Kassenpatienten empfinden das genauso: Es gibt mehr Leistungen, kürzere Wartezeiten und in Krankenhäusern Chefarztbehandlung. Selbst das Essen ist für Privatpatienten besser. Wie profizieren Labormediziner von diesem System?

Wolter: Zunächst einmal sollten wir festhalten, dass eine private Krankenversicherung nicht nur eine Frage des Einkommens ist. Eine Streifenpolizistin ebenso wie ein Feuerwehrmann zum Beispiel sind, da verbeamtet, ebenfalls privatversichert. Dass die nicht im Geld schwimmen, dürfte kein Geheimnis sein. Richtig ist aber: Privatversicherte genießen im Gesundheitswesen teils deutliche Vorteile. Medizinische Leistungen werden – ob im Labor oder in anderen Bereichen – bei Privatversicherten nach der Gebührenordnung für Ärzte, kurz GOÄ, und bei gesetzlich Versicherten nach dem Einheitlichen Bewertungsmaßstab, kurz EBM, abgerechnet. Dabei ist die Vergütung nach GOÄ in der Regel höher als nach EBM. Das gilt, wie gesagt, für alle medizinischen Bereiche gleichermaßen.

MedlabPortal: Ob mit oder ohne GOÄ, Labormedizin ist ein durchaus profitables Gebiet der Medizin. Es gibt fest definierte Arbeitszeiten, Jahreseinkommen im sechsstelligen Bereich für angestellte, erfahrene Fachärzte und Millionen oder Milliardengewinne für die Inhaber oder Aktionäre der großen Laborketten. Ist die geplante Senkung der Gebührensätze nicht eher eine Neiddebatte innerhalb der Ärzteschaft?

Wolter: Man muss hier genau hinschauen und ein paar Dinge voneinander trennen. Das eine ist die Arbeitssituation der Labormediziner (wozu ich auch das Einkommen zähle). Das andere ist die Ertragslage der Laborbetreiber – und auch hier muss man differenzieren zwischen Laboreinheiten in Krankenhäusern, die man ebenfalls nicht in einen Topf werfen darf, und Laboren im niedergelassenen Bereich, die auch höchst unterschiedlich strukturiert sind, bis hin zu großen Laborketten. Aber es stimmt natürlich, dass in Debatten das alles gerne miteinander vermischt wird. Und richtig ist auch, dass Sachargumente nicht immer an erster Stelle stehen.

MedlabPortal: An dieser Stelle nochmal deutlich: Wer genau legt diese Gebührensätze fest?

Wolter: Ganz formal gesehen, ist es eine Rechtsverordnung des Bundes. Wobei der Bundesrat dem zustimmen muss.

MedlabPortal: Sorry, aber das ist eher auf dem Papier so. In Wirklichkeit hört das Bundesministerium für Gesundheit doch auf die Stellungnahmen und Vorschläge der einzelnen Fachrichtungen, oder?

Wolter: Das BMG denkt sich die GOÄ nicht selber aus, das ist richtig. Die Bundesärztekammer und der Verband der Privaten Krankenversicherungen erarbeiten einen Vorschlag, den sie dem BMG vorlegen.

MedlabPortal: Das Problem der Labormedizin ist demnach eher die geringe Zahl an Fachärzten? Keine Masse, kaum politisches Gehör….

Wolter: Nehmen wir eine Gruppe von 100 Leuten, die gemeinsam ein Haus bauen wollen, und ihnen geht das Geld aus. Wenn davon 25 zu einer Familie gehören, 20 zu einer zweiten und 10 zu einer dritten und die sich dann einig sind, dass der eine Single einfach mal mehr Geld in den Topf packen soll, dann ist das eine Situation, in der Demokratie nicht so richtig funktioniert.

MedlabPortal: Mich wundert allerdings das öffentliche Gejammere. Ein Lobbyverband etwa redet von einer Bedrohung der Patientensicherheit, wenn die neue Gebührenordnung für Labormediziner gesenkt wird. Mit Verlaub: Das halte ich für ein Gerücht – letztendlich wird keine Uniklinik und kein Krankenhaus die Laboruntersuchungen einstellen. Warum diese Panik?

Wolter: Natürlich bricht von heute auf morgen nicht die labormedizinische Versorgung zusammen, wenn die Vergütung gesenkt wird. Das ist ja das Problem. Dann würde man nämlich den Fehler sofort erkennen und vermutlich auch korrigieren. Die Versorgung wird allerdings schleichend schlechter. Das ist wie mit dem berühmten Frosch, der im Wasserglas sitzt, wo man die Temperatur langsam hochdreht.

Forderte bundesweit als erster den totalen Reset des deutschen Gesundheitssystems: DGKL-Vorstand Jan Wolter. Jetzt folgen auch anderer Akteure mit Vorschlägen. Credits: DGKL
Jan Wolter ist Vorstand der DGKL. Credits: DGKL

MedlabPortal: Was an der DGKL auffällt ist die Tatsache, dass man nicht ins übliche Jammern verfällt – man geht eher wissenschaftlich-medizinisch an die GOÄ heran. Da hätte ich gerne ein Beispiel, was genau eine Kürzung ausmacht.

Wolter: Durch die Senkung der Vergütung werden mehr Laborleistungen wirtschaftlich unrentabel. In der Folge wird das Labor in Krankenhäusern von anderen Bereichen subventioniert werden müssen. Das bedeutet, dass auch stärker auf Kosten geachtet wird. Darunter leiden in Unikliniken auch Forschungsaktivitäten, das Fach wird unattraktiver, mitunter kann ein Lehrstuhl daran zugrunde gehen. Wir verlieren schließlich Nachwuchs und Exzellenz. Das ist der eine Punkte: Forschung und Nachwuchs. Zum Teil wird dieser auch gesehen. Nur wird der Effekt, denke ich, unterschätzt.

Der zweite Punkt ist einer, der meiner Meinung nach noch überhaupt nicht beachtet wurde. So wird der Kostendruck sich auch in der Beschaffungspolitik der Labore bemerkbar machen. Der Preisdruck wird massiv zunehmen, was die Hersteller zu spüren bekommen werden.

MedLabPortal: Selbst Giganten wie VW müssen mittlerweile damit leben, dass Autos „Made in China“ technologisch mithalten können, oder in Teilbereichen überlegen sind – aber deutlich weniger kosten als deutsche Pendants…

Wolter: Worauf ich hinaus möchte, ist, dass wir hier von einer Schlüsseltechnologie innerhalb einer kritischen Infrastruktur sprechen. Das ist besonders gefährlich, wenn es keinen fairen Preiswettbewerb gibt. Wo Produkte von den Heimatländern subventioniert auf den Markt drängen, um europäische Wettbewerber zu verdrängen, sehe ich ein enormes Risiko auf uns zukommen.

MedLabPortal: Wir reden also gar nicht über das Einkommen Einzelner, oder die Renditen von Laborketten, sondern über die GOÄ als Mittel der Resilienz?

Wolter: So könnte man es auf einen Nenner bringen. Wir müssen, die Politik muss, über den Tellerrand blicken. Wenn ich versuche, noch das letzte aus einem System herauszupressen, dann hat das an anderer Stelle Konsequenzen. Europäische Laborhersteller investieren Milliardensummen – auch in Deutschland – und sind hierzulande präsent. Wenn wir diese Industrie kaputt machen, geraten wir in eine gefährliche Abhängigkeit. Ich möchte nicht, dass man in einer politischen Krise einem anderen Land hörig ist, weil es damit drohen kann, unsere Labormedizin abzuschalten. Vor fünf Jahren hätte man mich bei diesem Satz noch für verrückt erklärt. Heute muss man Menschen, die diese Gefahr nicht erkennen, wohl als kurzsichtig bezeichnen.

MedLabPortal: Da könnte man natürlich kritisieren, dass es nicht die Aufgabe der Privatversicherten ist, die deutsche Labormedizin als kritische Infrastruktur zu schützen….

Wolter: So betrachtet, müsste man generell darüber sprechen, wie unser Gesundheitssystem finanziert wird. Aber Sie wissen ja, dass ich mich für einen Reset starkmache.

MedLabPortal: Trotzdem: Wir haben eine freie Marktwirtschaft. Was spricht gegen qualitativ hochwertige Laborstraßen aus China oder den USA?

Wolter: Wie gesagt muss der Wettbewerb zum einen fair ausgetragen werden, also ohne Preissubventionen. Zum zweiten müssen wir in Bereichen kritischer Infrastruktur auch Sicherheitsaspekte berücksichtigen. Ob das Waffensysteme, Router oder eben Laborgeräte sind.

MedLabPortal: Damit wäre aber die GOÄ nicht mehr eine Gebührenordnung, sondern ein Instrument der Absicherung kritischer Infrastrukturen in der Labormedizin. Warum dafür nicht lieber auf das Sondervermögen des Bundes zugreifen? Das wird bekanntlich ohnehin zweckentfremdet.

Wolter: Kaum gibt es einen großen, zusätzlichen Geldtopf, wollen alle da ran. Ich halte das für keine Gute Idee. Schließlich geht es hier auch nicht um Einmalinvestitionen, sondern darum, dauerhaft eine resiliente Lösung zu haben.

MedLabPortal: Im größeren Kontext ist der Vorschlag disruptiv, weil es diese Sichtweise bislang so nicht gab. Sehen Sie das als Teil des von Ihnen geforderten totalen Resets im Gesundheitswesen?

Wolter: Die Politik muss sich vom Kleinklein lösen und das große Ganze im Blick haben. Wenn die GOÄ so kommt, wie sie jetzt geplant ist, riskiert sie vor allem, dass es weniger Innovation geben wird und damit die Versorgung nicht so gut ist, wie sie sein könnte. Wir riskieren, dass die Kosten in der Versorgung steigen, dass Investitionen aus Deutschland abgezogen werden, Arbeitsplätze verloren gehen und Steuereinnahmen sinken. Vor allem aber riskieren wir, dass Deutschland in der medizinischen Versorgung erpressbar wird. Zusammengefasst: Die neue GOÄ ist eine weit größere Gefahr, als das manchem klar ist.

Und wenn wir uns anschauen, wie es zu diesem Vorschlag gekommen ist, erkennen wir einmal mehr, wie nötig ein totaler Reset ist.

MedLabPortal: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Vlad Georgescu

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Redaktion: X-Press Journalistenbüro GbR

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