„Erstmals verbinden wir damit zwei Einrichtungen über eine Strecke von mehr als 1.600 Metern – quasi ein Weltrekord“
Das Universitätsklinikum Ulm hat ein Transportsystem für Laborproben implementiert, das die Labormedizin revolutionieren könnte. MedLabPortal hat im NACHGEFRAGT-Interview Prof. Dr. Sven Danckwardt, Ärztlicher Direktor der Zentralen Einrichtung Klinische Chemie am Universitätsklinikum Ulm, zum ehrgeizigen Vorhaben befragt.
MedLabPortal: Herr Prof. Danckwardt, sofern alles gutgeht, schreibt die Uniklinik Ulm bald Labormedizingeschichte: Sie haben ein System implementiert, das den Transport von Proben von einer Klinik zur anderen in Rekordzeit ermöglicht. Verraten Sie uns schon heute, wie das funktionieren wird?
Danckwardt: Das System ermöglicht es, Patientenproben über eine Rohrleitung direkt ins Labor zu transportieren – im Prinzip wie bei einer Rohrpostanlage. Allerdings ist der Leitungsdurchmesser deutlich kleiner, sodass die Proben ohne zusätzliche „Umverpackung“ eingelegt werden können und im Labor unmittelbar in die Automatisierung übergehen. Mit Geschwindigkeiten von bis zu 8-9 m/s lassen sich Proben so in kürzester Zeit über große Distanzen versenden.
Das Novum: Erstmals verbinden wir damit zwei Einrichtungen über eine Strecke von mehr als 1.600 Metern – quasi ein Weltrekord.
MedLabPortal: Die Technologie dazu hat sich ein deutsches Unternehmen durch Übernahme der Entwicklerfirma gesichert. Ist das Vorhaben somit auch ein Modell für die gesamte Labormedizin das zeigt, dass auch wir Zukunftstechnologien sichern können?
Danckwardt: Da muss man etwas ausholen. Die Labormedizin ist traditionell ein zentraler Treiber für die Entwicklung von Zukunftstechnologien in der Medizin. Fast 70% aller Diagnosen werden mit und durch die Labormedizin gestellt. Heute stehen wir mehr denn je vor großen Herausforderungen. Die Ressourcen im Gesundheitssystem werden knapper. Gleichzeitig werden wir älter. Chronische und altersassoziierte Erkrankungen nehmen zu. Die Bevölkerung bunter. Vormals in unseren Breiten seltene Erkrankungen spielen inzwischen auch bei uns eine bedeutende RolleAll das zwingt uns, Ressourcen effizient einzusetzen, neue Wege zu gehen und innovativ zu bleiben. Die Automatisierung und zunehmende Konsolidierung der Labordiagnostik in den vergangenen Jahrzehnten hat wesentlich zur Effizienzsteigerung beigetragen – und widerspiegelt den engen, bidirektionalen Austausch mit der Industrie. Dadurch ist Raum für neue Entwicklungen entstanden: Liquid-Biopsy, neue präventive Biomarker – nur einige Schlagworte für eine Diagnostik der Zukunft, die von der Pränatalmedizin bis zum Lebensende reicht und alle Disziplinen umfasst.
Und ja: In gewisser Weise ist dieses Vorhaben ein Modell für die Labormedizin – allerdings in bester Tradition. Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen: Wir sichern nicht nur Zukunftstechnologien, sondern schaffen gerade in der akademischen Laboratoriumsmedizin auch die Kristallisationskeime für die Zukunftstechnologien von morgen. Umso wichtiger ist es, nicht immer höhere regulatorische Hürden zu errichten, die am Ende genau diese Innovationen im Keim ersticken.

MedLabPortal: Das System gibt es ja auf Bestellung, aber nicht von der Stange. Worauf mussten Sie bei der Umsetzung achten?
Danckwardt: Die zentrale Herausforderung bestand darin, dass wir rund um die Uhr die labordiagnostische Versorgung der Stroke-Unit sicherstellen mussten. Die Einhaltung der Leitlinien zur Versorgung von Schlaganfallpatienten zählt zu den größten Anforderungen – „Time is brain“ lautet das oberste Prinzip. Entsprechend schnell müssen die Resultate der Laboranalytik vorliegen, und das rund um die Uhr.
Und hierfür musste eine Lösung gefunden werden, wie wir Patientenproben von der Stroke-Unit unabhängig von Witterung und Personalverfügbarkeit über eine Distanz von mehr als 1.600 Metern zuverlässig und schnellstmöglich ins Labor bekommen. Ausfallsicher – idealerweise mit Redundanz. Über eine vielbefahrene Straße mit einer separaten Straßenbahntrasse hinweg.
Aufgrund der spezifischen Rahmenbedingungen am Standort mussten wir mit vier unterschiedlichen Routenkonzepten in die Genehmigungsverfahren gehen. Am Ende ist es dem beharrlichen Einsatz eines großartigen Teams gelungen, diese anspruchsvolle Aufgabe zu meistern. Wie bei Projekten dieser Größenordnung üblich, waren zahlreiche Akteure aus unterschiedlichen Institutionen und Strukturen beteiligt – und alle haben an einem Strang gezogen.
MedLabPortal: Sie verbinden damit zunächst zwei Kliniken. Welche Voraussetzungen müssten erfüllt sein, damit eine „Laborproben-Autobahn“ bundesweit etabliert wird – und somit gerade der ländliche Raum angebunden wird?
Danckwardt: Das ist richtig, wir verbinden zunächst zwei Einrichtungen– aktuell die weltweit längste Ausbaustufe. Ein Leuchtturmprojekt. Wahrscheinlich könnte man es noch größer denken. Wir sind überrascht, wie unkompliziert die Anlage zu verlegen ist, wenn auch die Justage mit der Länge zunehmend knifflig wird. Wir wollen ja nicht nur möglichst rasch eine Probe von A nach B transportieren; sondern es gilt bestimmte Qualitätsstandards zu erfüllen. Von den Laborparametern werden ja Diagnosen und Therapien abhängig gemacht.
Wir werden sehen, wie es sich in der Praxis bewährt – und wie groß man eine „Laborproben-Autobahn“ zukünftig noch denken kann. Im Gegensatz zu einer traditionellen Rohrpostanlage ist das System relativ rasch verlegt. Allerdings geht es auch nur in eine Richtung, und Kreuzungen oder Weichen gibt es (noch?) nicht.
MedLabPortal: Welche finanzielle Unterstützung gab es von staatlichen Stellen?
Danckwardt: Die Finanzierung der Laborstraße erfolgt durch das Universitätsklinikum.
MedLabPortal: Die Zurückhaltung wundert uns – immerhin würden solche Liefersysteme die Kosten im Gesundheitswesen deutlich senken. Schnellere Diagnosen senken doch die Therapiekosten. Können Sie uns dafür ein konkretes Beispiel geben, bei dem Zeit der entscheidende Faktor ist?
Danckwardt: Ich denke, nun muss man erst mal abwarten, wie sich das System in der aktuellen Ausbaustufe bewährt. Grundsätzlich lassen sich damit potentiell erhebliche Kosten einsparen. In unserem Fall haben wir nahezu die gesamte Labordiagnostik eines anderen Hauses übernommen. Das ermöglicht es, Doppelstrukturen in räumlicher Nähe zu reduzieren.
Darüber hinaus trägt das System in Zeiten des Fachkräftemangels und der großen Herausforderungen bei der Personalrekrutierung auch zur Aufrechterhaltung der Versorgungssicherheit bei. In unserem Fall sind es vor allem die Schlaganfallpatienten, bei denen jede Minute zählt. Und letztlich beeinflusst der Zeitpunkt der eingeleiteten Akuttherapie auch, in welchem Umfang besonders kostenintensive Nachsorgemaßnahmen notwendig werden.
MedLabPortal: Ein Vorteil liegt sicher darin, dass die Transporte vorwiegend unterirdisch verlaufen. Wie krisensicher ist das in Ulm implementierte System?
Danckwardt: Wir sind bundes- und weltweit nicht die Ersten, die das System benutzen. Wir standen im Rahmen der Planungen in intensivem Austausch mit anderen Laboratorien, die durchweg fast nur Positives zu berichten hatten. Das hat uns ermutigt, diesen Schritt zu wagen.
In Anbetracht der besonderen Herausforderungen, die die Versorgung von Stroke-Unit-Patienten mit sich bringt, haben wir das System in doppelter Ausführung verlegt.
MedLabPortal: Unsere letzte Frage: Wie lange hat es von der Idee bis zur Umsetzung gedauert?
Danckwardt: Fast 2 Jahre, von der vagen Idee bis zu jetzigen Umsetzung. Man muss allerdings ergänzen, dass das Einholen der entsprechenden Genehmigungen am längsten gedauert hat und die Verlegung der Anlage selbst in 2-3 Monaten erledigt war. Jetzt ist die Feinjustage dran.
MedLabPortal: Vielen Dank für Ihre Zeit
Die Fragen stellte Vlad Georgescu
Redaktion: X-Press Journalistenbüro GbR
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