Biomarker für die Wirkung von Psychotherapie auf die Hirnstruktur ausgemacht

Eine bahnbrechende Studie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) und der Universität Münster zeigt erstmals, dass kognitive Verhaltenstherapie messbare Veränderungen in der Hirnstruktur von Patienten mit Depressionen bewirkt. Die Ergebnisse belegen, dass Psychotherapie anatomische Veränderungen in Gehirnregionen hervorruft, die für die Verarbeitung von Emotionen entscheidend sind, und stellen sie damit auf eine Stufe mit medikamentösen oder elektrostimulierenden Behandlungen.
Weltweit leiden etwa 280 Millionen Menschen an schweren Depressionen, die oft mit strukturellen Veränderungen im vorderen Hippocampus und der Amygdala einhergehen – beide Regionen sind zentrale Bestandteile des limbischen Systems und steuern Emotionen. Die Studie untersuchte die Gehirne von 30 Patienten mit akuter Depression vor und nach 20 Sitzungen kognitiver Verhaltenstherapie mithilfe der strukturellen Magnetresonanztomographie (MRT). Diese Aufnahmen lieferten detaillierte Einblicke in Form, Größe und Lage von Hirngewebe. Ergänzend wurden klinische Interviews durchgeführt, um Veränderungen in depressiven Symptomen, wie Schwierigkeiten beim Erkennen und Beschreiben von Gefühlen, zu dokumentieren. Eine Kontrollgruppe von 30 gesunden Personen, die keine Therapie erhielten, diente zum Vergleich.

Die Ergebnisse sind eindeutig: Bei 19 der 30 Patienten war die depressive Symptomatik nach der Therapie deutlich zurückgegangen. Zudem zeigte sich eine signifikante Zunahme des Volumens grauer Hirnmasse in der linken Amygdala und im vorderen rechten Hippocampus. Besonders auffällig war der Zusammenhang zwischen diesen Veränderungen und dem Rückgang von Gefühlsstörungen: Patienten mit einem stärkeren Anstieg der grauen Hirnmasse in der Amygdala berichteten über eine größere Verbesserung ihrer Symptome.
Die Studie liefert erstmals einen validen Biomarker für die Wirkung von Psychotherapie auf die Hirnstruktur. Damit wird nachgewiesen, dass kognitive Verhaltenstherapie nicht nur Denkmuster, Emotionen und Verhaltensweisen positiv beeinflusst, sondern auch physische Veränderungen im Gehirn hervorruft, die denen von medikamentösen Therapien ähneln. Die Forschenden betonen, dass keine Therapieform grundsätzlich überlegen ist – während manche Menschen besser auf Medikamente oder Elektrostimulation ansprechen, ist Psychotherapie für andere die effektivste Option. Die Studie unterstreicht jedoch, dass Psychotherapie aus medizinisch-naturwissenschaftlicher Perspektive eine gleichwertige Alternative darstellt.
Die Forschungsarbeit wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), dem Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt sowie dem Land Sachsen-Anhalt unterstützt.
Original Paper:
Zwiky E. et al. Limbic gray matter increases in response to cognitive behavioural therapy in major depressive disordner. Translational Psychiatry (2025). doi: 10.1038/s41398-025-03545-7
Redaktion: X-Press Journalistenbüro GbR
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