Neue S3-Leitlinie: ASS als Option zur Thromboseprophylaxe bei Hüft- und Knie-OPs
Die aktualisierte S3-Leitlinie zur Prophylaxe venöser Thromboembolien (VTE) empfiehlt erstmals Acetylsalicylsäure (ASS) zur Vorbeugung von Blutgerinnseln nach Implantation von Hüft- und Knieprothesen. Die Leitlinie wurde am 21. Januar 2026 veröffentlicht.
Die Empfehlung gilt für Patienten ohne individuelle Hochrisikofaktoren für Thrombosen, sofern ein konsequentes Fast-Track- oder Rapid-Recovery-Konzept mit Mobilisation bereits am Operationstag umgesetzt wird. Die Deutsche Gesellschaft für Endoprothetik e.V. (AE) begrüßt die Neuerung und sieht darin eine wirksame, einfach anzuwendende und kostengünstige Alternative zu herkömmlichen Methoden.
Bislang erfolgte die medikamentöse Thromboseprophylaxe nach solchen Eingriffen meist mit Heparinspritzen oder direkten oralen Antikoagulanzien (NOAKs). Letztere sind bei Begleiterkrankungen oder ungeplanten Nachoperationen schwieriger zu handhaben. ASS bietet als orale Tablette Vorteile in der praktischen Anwendung und ist deutlich preiswerter, ohne dass die Leitlinie Einbußen bei Wirksamkeit oder Sicherheit feststellt – vorausgesetzt, die genannten Bedingungen sind erfüllt.

Professor Dr. med. Rüdiger von Eisenhart-Rothe, Präsident der AE und Direktor der Klinik für Orthopädie und Sportorthopädie am Klinikum rechts der Isar in München, betont, dass Lungenembolien als Folge tiefer Venenthrombosen zwar selten, aber potenziell lebensbedrohlich sind. ASS erweitere das Spektrum um eine seit Jahrzehnten in anderen Ländern etablierte Option.
Die Leitlinie macht jedoch klar, dass ASS keine Einheitslösung darstellt. Patienten mit aktiven Krebserkrankungen, bekannten Thrombose- oder Blutungsrisiken oder anderen schweren Begleiterkrankungen benötigen weiterhin eine intensivere, individuell angepasste Prophylaxe, etwa mit Heparin oder NOAKs.
Professor Dr. med. Georgi Wassilew, Generalsekretär der AE und Direktor der Klinik für Orthopädie, Unfallchirurgie und Rehabilitative Medizin an der Universitätsmedizin Greifswald, hebt die Möglichkeit größerer Eigenverantwortung der Patienten hervor. Die einfache Tabletteneinnahme kombiniert mit früher Mobilisation binde die Betroffenen aktiver in den Heilungsprozess ein. Voraussetzung bleibe die konsequente Mitarbeit, darunter frühes Aufstehen am OP-Tag und regelmäßige Physiotherapie.
Professor Dr. med. Christian Merle, Vizepräsident der AE und Chefarzt des Endoprothetikzentrums III am Diakonie-Klinikum Stuttgart, stuft die frühe Mobilisation als zentralen Faktor der Thromboseprophylaxe ein. Viele ältere Studien beruhten auf überholten Konzepten mit längeren Bettruhephasen. Die flächendeckende Umsetzung des Fast-Track-Prinzips in Deutschland sei daher essenziell.
Die S3-Leitlinie entstand unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) und der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) mit Beteiligung zahlreicher weiterer Fachgesellschaften. Die orthopädisch-unfallchirurgische Sicht floss maßgeblich über die Leitlinienkommission der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) ein. Professor Dr. med. Andreas Halder, Ärztlicher Direktor der Sana Kliniken Sommerfeld, unterstreicht die hohe Evidenzbasis aus randomisierten Studien, Registerdaten und internationalen Empfehlungen.
Die AE fordert eine qualitätsgesicherte Einführung der ASS-Prophylaxe und sieht weiteren Forschungsbedarf, etwa zur optimalen Therapiedauer und zum quantitativen Einfluss der Frühmobilisation auf das Thromboserisiko.
Original paper:
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Redaktion: X-Press Journalistenbüro GbR
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