MHH-Forschende entdecken „molekulares Gedächtnis“ in Nierentransplantaten

von | Jan. 29, 2026 | Forschung, Gesundheit

Ein Forschungsteam der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) unter Leitung von Prof. Dr. Christian Hinze hat neue zelluläre Marker identifiziert, die nach einer akuten Abstoßung Aufschluss über die langfristige Erholungsfähigkeit eines Nierentransplantats geben. Die entdeckten spezifischen Zellzustände in den Tubuluszellen der Niere bilden eine Art molekulares Gedächtnis an die Abstoßungsepisode und bleiben teilweise auch nach erfolgreicher Therapie bestehen. Sie treten besonders häufig auf, wenn das Transplantat später ein hohes Versagensrisiko zeigt. Die Ergebnisse wurden in Nature Communications veröffentlicht.

Akute T-Zell-vermittelte Abstoßung zählt weiterhin zu den Hauptursachen für das langfristige Versagen von Nierentransplantaten. Dabei erkennen Immunzellen das fremde Organ, wandern ein, lösen Entzündungen aus und schädigen das Gewebe. Wird die Reaktion nicht rechtzeitig unterdrückt, nimmt die Transplantatfunktion schrittweise ab.

Das Team um Prof. Hinze untersuchte gemeinsam mit Partnern der Charité Berlin und des Alberta Transplant Applied Genomics Centre in Kanada die Veränderungen im Transplantatgewebe während und nach einer Abstoßung. Im Fokus standen nicht nur die einwandernden Immunzellen, sondern vor allem die Reaktion der Tubuluszellen – jener Zellen des feinen Röhrensystems, die für essenzielle Transportprozesse verantwortlich sind. Diese Zellen entwickeln unter Stress und während der Reparatur auffällige Muster, die sich deutlich von gesunden Zellen unterscheiden.

„Einige dieser Zellzustände verschwinden selbst nach erfolgreicher Behandlung der Abstoßung nicht vollständig“, erläutert Prof. Hinze, Oberarzt in der MHH-Klinik für Nieren- und Hochdruckerkrankungen und verantwortlich für die Nachsorge der Nierentransplantierten. „Sie bilden ein molekulares Gedächtnis und dienen als Indikator dafür, wie gut sich die Niere wirklich erholt. Besonders bei hohem Anteil solcher Zellen in der Biopsie besteht ein erhöhtes Risiko für ein späteres Transplantatversagen.“

Prof. Dr. Christian Hinze (rechts) und Prof. Dr. Kai Schmidt-Ott diskutieren Ergebnisse räumlicher Genexpressionsanalysen einer transplantierten Niere, die Anzeichen einer Abstoßung zeigt. | Copyright: Karin Kaiser / MHH
Prof. Dr. Christian Hinze (rechts) und Prof. Dr. Kai Schmidt-Ott diskutieren Ergebnisse räumlicher Genexpressionsanalysen einer transplantierten Niere, die Anzeichen einer Abstoßung zeigt. | Copyright: Karin Kaiser / MHH

In großen Patientenkohorten bestätigte sich, dass ein hoher Anteil dieser persistierenden Zellzustände ein Warnsignal darstellt. Die Erkenntnisse eröffnen Ärzten die Möglichkeit, das individuelle Risiko nach einer Abstoßung präziser einzuschätzen und die Nachsorge gezielter zu gestalten – etwa durch Therapieanpassung oder engmaschigere Kontrollen.

„Die neuen Marker könnten uns helfen, Patientinnen und Patienten zu identifizieren, die ein besonders hohes Risiko tragen“, sagt Prof. Dr. Kai Schmidt-Ott, Direktor der MHH-Klinik für Nephrologie und Mitautor der Studie. „Langfristig besteht die Hoffnung, diese zellulären Programme therapeutisch zu modulieren – das muss aber in zukünftigen Studien geprüft werden.“

Die Forschenden kombinierten experimentelle Modelle, Einzelzellanalysen, räumliche Genexpressionsdaten und umfangreiche Biopsie-Kohorten, um ein detailliertes Bild der Entstehung, Verteilung und prognostischen Bedeutung dieser Zellzustände zu erhalten. Für die MHH als eines der führenden europäischen Transplantationszentren markieren die Ergebnisse einen weiteren Schritt hin zu einer präziseren und zukunftsorientierten Transplantationsmedizin.

Original Paper:

Injured epithelial cell states impact kidney allograft survival after T-cell-mediated rejection | Nature Communications


Redaktion: X-Press Journalistenbüro GbR

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