10x Genomics startet Großstudie zu Blut-basierten Immunsignaturen bei Autoimmunerkrankungen
Am 12. Januar 2026 hat 10x Genomics, einer der führenden Anbieter von Single-Cell- und Spatial-Biology-Technologien, eine Kooperation mit dem Brigham and Women’s Hospital (Boston) bekanntgegeben, die in der Rheumatologie und Immunologie für erhebliche Aufmerksamkeit sorgen dürfte. Ziel der groß angelegten, longitudinalen Studie ist es, aus peripherem Blut von 1.000 Patienten mit rheumatoider Arthritis (RA), systemischem Lupus erythematodes (SLE) und Riesenzellarteriitis (GCA) hochaufgelöste, single-cell-basierte Immunsignaturen zu generieren, die Krankheitsaktivität, Schübe, Remission und Therapieansprechen objektiv abbilden sollen.
Warum das Thema so brisant ist
Autoimmunerkrankungen zählen zu den größten therapeutischen Herausforderungen der modernen Medizin. Allein in den USA leiden etwa 24 Millionen Menschen darunter, weltweit sind es über 80 Millionen. Die Diagnostik und Therapiesteuerung basiert bis heute weitgehend auf:
- unspezifischen Entzündungsparametern (BSG, CRP)
- Autoantikörpern (die oft lange vor klinischen Symptomen auftreten oder persistieren, obwohl die Krankheit inaktiv ist)
- subjektiven Symptomscores (DAS28, SLEDAI etc.)
- Erfahrung des Arztes
Das Ergebnis wird von Experten treffend als „klinischer Random Walk“ beschrieben: Man probiert oft monate- oder jahrelang verschiedene Medikamente aus, bis man zufällig den richtigen Treffer landet – oder auch nicht. Biologika und JAK-Inhibitoren haben die Therapieoptionen zwar massiv erweitert, doch die Response-Rate liegt bei vielen Indikationen weiterhin bei nur 30–50 % nach 6 Monaten. Prädiktoren für Ansprechen fehlen fast vollständig.
Genau hier setzt die Kooperation an: Statt auf wenige lösliche Marker zu schauen, soll das gesamte zirkulierende Immunsystem in seiner zellulären Heterogenität und Dynamik kartiert werden.

Technische Grundlage: Chromium Flex und longitudinales Design
Die Studie nutzt das Chromium Flex Single-Cell Gene Expression Kit von 10x Genomics – eine der aktuell robustesten und skalierbarsten Plattformen für hochparallele Einzelzell-RNA-Sequenzierung. Chromium Flex erlaubt Fixierung der Proben direkt nach Blutentnahme, was für multizentrische Studien mit Routinelaboren essenziell ist.
Geplant ist:
- Rekrutierung von 1.000 Patienten (RA, SLE, GCA) + gesunde Kontrollen
- Longitudinale Blutentnahmen bei Routinevisiten über mehrere Jahre
- Parallelisierung mit klinischen Scores, Labordaten, Medikation und Bildgebung
- Erstellung eines Referenz-Atlas zirkulierender Immunzellen in verschiedenen Krankheitszuständen
Ziel ist es, Muster zu identifizieren, die unterscheiden können zwischen:
- kontrollierter vs. aktiver Erkrankung
- bevorstehendem Schub vs. stabiler Remission
- Therapie-Responder vs. Non-Responder
- unterschiedlichen Krankheitsphasen und -subtypen
Klinische Relevanz: Von der Forschung zum klinischen Report
Besonders interessant ist der explizit formulierte Plan, aus den Daten ein Framework für einen zukünftigen klinischen Report zu entwickeln. Das würde bedeuten: Aus den komplexen Single-Cell-Daten sollen wenige, klare, interpretierbare Scores oder Klassifikatoren abgeleitet werden – ähnlich wie der Oncotype DX-Score in der Onkologie oder der PAM50-Subtypisierung beim Mammakarzinom.
Wenn das gelingt, könnte man in Zukunft Blutproben routinemäßig einschicken und innerhalb weniger Tage einen Bericht erhalten, der dem Rheumatologen sagt:
- „Aktuelle molekulare Aktivität entspricht einem High-Disease-Activity-Status → Eskalation der Therapie sinnvoll“
- „Immunprofil zeigt beginnenden Schub 4–6 Wochen im Voraus → Präventive Dosisanpassung möglich“
- „Patient gehört zu Subgruppe X → hohe Wahrscheinlichkeit für Ansprechen auf IL-6-Blocker“
Das wäre ein echter Paradigmenwechsel: Weg von symptom- und CRP-gesteuertem „Trial-and-Error“ hin zu datengetriebener, prädiktiver Rheumatologie.
Realistische Einschätzung der Erfolgsaussichten
Positiv:
- Die Kohorte ist mit 1.000 Patienten sehr groß für Single-Cell-Studien
- Longitudinales Design mit klinischer Phänotypisierung ist Goldstandard
- Brigham and Women’s Hospital gehört zu den weltbesten Einrichtungen für klinische Immunologie
- 10x Genomics hat bereits Erfahrung mit translationalen Großprojekten (z. B. Human Cell Atlas-Beiträge)
Kritische Punkte:
- Single-Cell-Daten sind extrem rauschbehaftet und heterogen – die Extraktion robuster, klinisch verwertbarer Signaturen aus Blut (im Gegensatz zu Gewebe) ist technisch sehr anspruchsvoll
- Die Übersetzung in einen validierten, reproduzierbaren klinischen Test dauert typischerweise 8–12 Jahre (FDA CLIA-Zertifizierung, prospektive Validierung, Kosten-Nutzen-Analyse)
- Konkurrenz: Mehrere Gruppen weltweit arbeiten an ähnlichen Ansätzen (z. B. mit CyTOF, Olink, RNA-Seq-Panels). Wer zuerst einen validierten Test auf den Markt bringt, gewinnt
Strategische Bedeutung für 10x Genomics
Die Kooperation ist Teil einer klaren strategischen Neuausrichtung von 10x: Das Unternehmen will sich von einem reinen RUO-Tool-Anbieter zu einem Player im klinisch-translatorischen Bereich entwickeln. Weitere Indizien:
- Ankündigung eines CLIA-zertifizierten Labors
- Partnerschaft mit Dana-Farber Cancer Institute
- Mehrere parallele Initiativen in Onkologie und Immunologie
Das ist konsequent: Der RUO-Markt wächst zwar weiter, doch die großen Margen und langfristigen Verträge liegen im klinischen Bereich.
Fazit
Die angekündigte Studie ist einer der ambitioniertesten Versuche bisher, Single-Cell-Technologie direkt in die tägliche rheumatologische Praxis zu bringen. Gelingt es, aus den Blutproben von 1.000 Patienten robuste, prädiktive Immunsignaturen zu extrahieren und in einen klinisch nutzbaren Report zu übersetzen, könnte dies die Behandlung von RA, SLE und Vaskulitiden grundlegend verändern – weg vom Trial-and-Error hin zu datengetriebener Präzisionsmedizin.
Der Weg ist allerdings noch lang, technisch anspruchsvoll und risikobehaftet. Doch genau deshalb ist die Kooperation zwischen 10x Genomics und Brigham and Women’s Hospital so spannend: Wenn jemand es schaffen kann, dann diese Kombination aus Technologie-Powerhouse und klinischer Spitzeninstitution.
Der Artikel erschien im Original bei LabNews Media LLC
Redaktion: X-Press Journalistenbüro GbR
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