Schweizer Forschende entschlüsseln Virusgenom der Spanischen Grippe

von | Juli 14, 2025 | Forschung, Gesundheit

Forschende der Universitäten Basel und Zürich haben erstmals das Virusgenom der Spanischen Grippe von 1918–1920 in der Schweiz rekonstruiert. Die Analyse eines über 100 Jahre alten Virus aus einem historischen Präparat der medizinischen Sammlung der Universität Zürich (UZH) liefert neue Einblicke in die Anpassung des Virus an den Menschen und könnte helfen, zukünftige Pandemien besser zu bekämpfen.

Notspital in der Zürcher Tonhalle während der sogenannten “Spanischen Grippe” im November 1918 | Copyright: Schweizerisches Nationalmuseum, Inventarnummer LM-102737.46
Notspital in der Zürcher Tonhalle während der sogenannten “Spanischen Grippe” im November 1918 | Copyright: Schweizerisches Nationalmuseum, Inventarnummer LM-102737.46 

Die Spanische Grippe forderte weltweit 20 bis 100 Millionen Todesopfer und gilt als eine der verheerendsten Pandemien der Geschichte. Unter der Leitung von Paläogenetikerin Verena Schünemann von der Universität Basel wurde das Influenzagenom aus einem Formalin-fixierten Präparat eines 18-jährigen Patienten sequenziert, der im Juli 1918 in Zürich starb. Die Untersuchung zeigt, dass das Schweizer Virus bereits zu Beginn der Pandemie drei Schlüsselmutationen aufwies, die es widerstandsfähiger und infektiöser machten. Zwei Mutationen schützten das Virus vor antiviralen Abwehrmechanismen des menschlichen Immunsystems, während eine dritte die Bindung an menschliche Zellen verbesserte. Diese Anpassungen blieben bis zum Ende der Pandemie in den Viruspopulationen erhalten.

Die Forschenden entwickelten eine neue Methode zur Sequenzierung alter RNA, die im Gegensatz zur stabileren DNA von Influenzaviren schnell zerfällt. Diese Methode ermöglicht es, RNA-Fragmente aus historischen Präparaten zu isolieren und ihre Authentizität zu verifizieren. Die enge Zusammenarbeit mit der Medizinischen Sammlung der UZH und dem Medizinhistorischen Museum der Charité in Berlin unterstreicht die Bedeutung solcher Archive für die Rekonstruktion alter Virusgenome.

Die Ergebnisse sind ein wichtiger Schritt, um die Evolution von Pandemieviren zu verstehen. Durch den Vergleich mit Virusgenomen aus Deutschland und Nordamerika konnten die Forschenden die Anpassungsdynamik des Virus in Europa nachvollziehen. Dieses Wissen soll Modelle für die Bekämpfung künftiger Pandemien verbessern, indem es die Anpassungsmechanismen von Viren an den Menschen aufzeigt. Weitere Analysen und die Rekonstruktion zusätzlicher Virusgenome sind geplant, um die Grundlage für evidenzbasierte Strategien zu erweitern.

Original paper:

An ancient influenza genome from Switzerland allows deeper insights into host adaptation during the 1918 flu pandemic in Europe | BMC Biology | Full Text

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Redaktion: X-Press Journalistenbüro GbR

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